Es gibt "historische Neurosen" – oder genauer: es gibt Neurosen des Geistes, die sich auf die geschichtliche Vergangenheit beziehen. Nicht anders ist es zu erklären, daß die Innenminister der deutschen Länder den Hitler-Film jetzt verboten haben – einen Streifen, der durch die Privataufnahmen vom Obersalzberg in der Lage war, dem "Führer" den letzten Rest der schon arg ramponierten Dämonie zu nehmen und ihn als den wildgewordenen Kleinbürger zeigte, der er war. Aber nicht nur die deutschen Minister – wir alle sind von solchen Neurosen nicht frei – verdrängen gern die schrecklichen zwölf Jahre und die Zeit davor: die Zeit der Weimarer Republik, den ersten Weltkrieg – kurz alles, was mit einer gewissen teuflischen Logik ins "dritte Reich" hineinführte.

Weil aber jede Neurose – und so auch die "historische" – unfehlbar in die psychologische und objektive Katastrophe führt, rückt ein Buch in den Brennpunkt des Interesses, das wie keins zuvor geeignet ist, die verdrängten Inhalte jener Jahre vor den Nazis – der Jahre der großen Hoffnungen und der großen Enttäuschungen – klar ans Tageslicht zu bringen. Es ist der erste Teil von Arthur Koestlers Lebensbericht; er umfaßt die Jahre von 1905 bis 1931 und heißt: Pfeil ins Blaue (bei Kurt Desch, München).

Die einzelnen Daten aus dem lieben dieses vielleicht größten journalistischen Schriftstellers von heute weiß man natürlich schon von mancherlei Einzelveröffentlichungen – zum Beispiel aus seinem glänzenden Aufsatz in dem Sammelband "Ein Gott, der keiner war". Man weiß, daß er 1905 in Budapest geboren wurde, dort und in Wien seine Kindheit und Jugendjahre verlebte, man weiß von der ersten Begeisterung des jungen Juden für die Bewegung des Zionismus, kennt seine ersten Jahre in Palästina (wenn Koestler sie freilich auch erst im jetzt vorliegenden Erinnerungsband in ihrer ganzen Atmosphäre einfügt: die Siedlung in der Wüste, die heilige Begeisterung der Juden für das Land, die freilich allzu schnell in freudlosen Fanatismus umschlagen konnte; man versteht plötzlich, daß schon am Anfang des jungen israelischen Staates die Todfeindschaft zu den Arabern begründet wurde; und schließlich kennt man auch schon des inzwischen zum erfolgreichen Ullstein-Journalisten avancierten Koestlers Übertritt zur kommunistischen Partei – damals der Hoffnung von Millionen.

Doch diese Kenntnis schadet nichts – im Gegenteil: da man den Stoff schon überblickt, kann man sich erst recht Koestlers Zusammenstellung hingeben: eine Zusammenstellung zahlloser Einzelgeschichten, aus denen er in meisterhafter Dichte die Atmosphäre der entscheidenden Jahre entwickelt.

"Ich wurde in jenem Moment geboren, als die Sonne über dem Zeitalter der Vernunft zu sinken begann" – das steht zu Beginn der Erinnerungen. Koestler schildert alle diese verlorenen Illusionen der Vernunft: den Zionismus, den Kommunismus, dem sich so viele junge Menschen zuwandten, die schon damals von der sozialdemokratischen Partei enttäuscht wurden: "Wenn die sozialdemokratische Idee je eine Chance zu ihrer Realisierung gehabt hat, dann war es 1918 nach dem Zusammenbruch... Die Sozialdemokraten haben sie nicht nur nicht ausgenutzt, sondern mit jeder Entscheidung einen neuen Schritt zum Selbstmord getan. Ihren dröhnenden, selbstzufriedenen Stimmen zuzuhören, konnte einen vor Ungeduld und Verzweiflung krank machen. Dieses Gefühl war so stark, daß es immer noch in meinem Gedächtnis nachhallt und viel lebendiger geblieben ist als mein Haß gegen die Nazis ..."

Koestler beschreibt aber auch das Haus Ullstein, jenen großen, von liberalem Geist beseelten deutschen Zeitungsverlag: die loyalste Stütze der Weimarer Demokratie, die dann zwischen die Mühlen von rechts und links geriet; er beschreibt die kleinen und großen Erlebnisse eines Ullstein-Korrespondenten jener Jahre: ein Interview mit Albert Einstein und die berühmte Zeppelinfahrt zum Nordpol. Und aus all diesen Einzelheiten wachsen plötzlich die Jahre, die zur Entscheidung für Europa führten, die Jahre, die man nicht aufhalten konnte, so sehr man sich darum bemühte.

Merkwürdig – Arthur Koestler, der so lange in Berlin lebte, der Berlin so liebte, hat selber nichts von dem erfolgreichen Berliner Ullsteinjournalisten jener Tage behalten. In Lebenserinnerungen stellt sich ja meistens heraus, wo der Schreiber (selbst wenn er – wie Koestler – inzwischen die Muttersprache gewechselt hat) eigentlich beheimatet ist. Koestler ist es in Wien – oder globaler ausgedrückt – im alten großen Österreich. Seine geistige Heimat ist die jüdisch-österreichische Kultur, vielleicht nicht die größte, sicher aber die sublimierteste und melancholischste und deswegen wohl europäischste Kultur, die es je gab. Durch die kühlen Sätze des brillanten Journalisten Koestler leuchten die Schwermut Trakls, die wehmütigen Analysen Schnitzlers, die Müdigkeit Hoffmannsthals, die fröhliche Hoffnungslosigkeit Altenbergs und – die Psychoanalyse Sigmund Freuds. Dieses Leuchten gibt den scheinbar so nüchternen Berichten Koestlers den Glanz jener Poesie, die ihrem Wesen nach nur den Untergang aussagen kann. Das tut Koestler denn auch in ein paar Sätzen in der Mitte des Buches, die direkt wieder auf die Sozialdemokraten gemünzt, genau so gut aber uns allen gelten können: "Wie unter dem Bann eines fatalen Wiederholungszwanges müssen die Fortschrittsapostel der Linken jeden Irrtum der Vergangenheit noch einmal begehen ... die gleichen selbstmörderischen Gesten noch einmal vollziehen. Bloß mit dem Unterschied, daß es diesmal kein Pardon geben wird. Die Bewährungsfrist für Europa geht ihrem Ende zu."

Ist das ein objektives Fazit, das man zieht, wenn man die "historische Neurose" durch eine Beichte verjagt hat? Oder ist es nur das Fazit eines in jener österreichischen Kultur Verwurzelten? Denn um diese Kultur ist es dunkel geworden, obwohl – oder gerade weil – die Amerikaner ihren größten Repräsentanten, Sigmund Freud, wiederentdeckten ... Paul Hühnerfeld