Vor kurzem stattete der amerikanische Befehlshaber des "Luftwaffenkommandos Nord-Ost", Generalleutnant Myers, dem die amerikanischen Luftstützpunkte von Neufundland bis zum Nordpol unterstehen, der dänischen Regierung einen Besuch ab. Das Rückgrat dieses Systems sind die amerikanischen Stützpunkte auf Grönland, das seit dem 6. Juni in das Königreich Dänemark eingegliedert ist. Die Amerikaner haben viele hundert Millionen Dollar für den Ausbau des Luftstützpunkt-Netzes ausgegeben, ohne jedoch dänische Firmen an diesem Ausbau zu beteiligen. Die Dänen sehen in dieser Unterlassung einen Revisionsgrund, der nach Art. 13 des Abkommens dann vorgesehen ist, wenn Änderungen in den Plänen der Nordatlantikpakt-Organisation notwendig oder wünschenswert sind.

Tatsächlich hat sich seit dem Ausbau des grönländischen Luftstützpunkt-Systems eine Schwerpunktverlagerung in den strategischen Plänen der NATO vollzogen. Die kürzesten Luftwege zwischen Industriezentren der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion führen über die Arktis. Dem etwa auf der Mitte dieser Luftwege liegenden Grönland kommt eine zweifache Bedeutung zu, einmal bei etwaigen Angriffen russischer Fernbomber als Basis des amerikanischen Radar-Warnsystems und der Abwehr durch Jagdverbände und zum anderen als Absprungbasis für Gegenangriffe amerikanischer Fernbomber auf das russische Herzland. Das Zentrum des arktischen Luftverteidigungssystems ist Thule, wo innerhalb von wenigen Jahren eine Militärstadt aus aluminiumverkleideten wärmebeständigen Häusern erbaut wurde, in der heute 4000 Mann der amerikanischen Luftwaffe ständig stationiert sind. Start- und Landebahnen von mehr als drei Kilometer Länge ermöglichen den Einsatz schwerster Bomber, denen viele Tankplätze zur schnellen Brennstoff Übernahme zur Verfügung stehen. Sechs heizbare Flugzeughallen sind für die Aufnahme von zehnmotorigen Bombern vom Typ B-36 bestimmt, drei weitere Hallen stehen für die Unterbringung der Lockheed F-94 Düsenflugzeuge mit Radareinrichtung des in Thule beheimateten Allwetter-Zerstörergeschwaders zur Verfügung.

Außerdem sind in Thule schwere Transport- und Tankflugzeuge des "militärischen Lufttransportdienstes", Wetter- und Eisüberwachungsflugzeuge sowie Hubschrauber stationiert. Die Tankflugzeuge ermöglichen viele hundert Kilometer von Thule entfernt ein Auftanken der schweren Bomber in der Luft, wodurch ihr Aktionsradius beträchtlich vergrößert wird. Der Nachschub für Thule erfolgt in den Sommermonaten auf Eisbrechern, im übrigen aber auf dem Luftwege. – Der wichtigste Stützpunkt nach Thule ist Narsarssuak auf halbem Wege zwischen der großen amerikanisch – kanadischen Flugbasis an der Goose Bay auf Labrador und dem Flugplatz Keflawik auf Island. Auf dieser Flugroute werden jene Flugzeuge von Amerika nach Prestwik in Schottland überführt, deren Aktionsradius einen non-stop-Flug nach Europa nicht möglich macht. Da Narsarssuak häufig im Nebel liegt, müssen die Flugzeuge in einem solchen Fall 650 Kilometer nördlich den Stützpunkt Sondrestrom anfliegen.

Wie lebhaft der Betrieb ist, geht daraus hervor, daß monatlich etwa 850 Flugzeuge durch Funk oder Radar gesichert werden. Während die zivile "Internationale Verkehrsflug-Organisation" die Nordatlantik-Flugrouten und Luftwege bis zum 59. Grad nördlicher Breite überwacht, hat das "Luftwaffenkommando Nord-Ost" einen Überwachungs- und Sicherungsdienst für das nördlich gelegene arktische Gebiet eingerichtet, dessen Zentrale sich im Hauptquartier des Luftwaffenkommandos Nord-Ost in Harmon an der Westküste Neufundlands befindet. Die Zusammenarbeit mit der britischen Flugüberwachung auf den großen Transatlantik-Flughäfen in Garnier und Argentia auf Neufundland ist so eng, daß in dem Gebiet zwischen Neufundland und dem Nordpol jedes Flugzeug durch den gemeinsamen Überwachungsdienst erfaßt wird, an dem auch Kanada in Goose Bay, Frobisher Bay auf der Baffin-Insel und Resolute beteiligt ist. Die Wacht in der Arktis, die der Westen unter Amerikas Führung errichtet hat, ist heute schon stark genug, um den nordamerikanischen Kontinent vor Überraschungsangriffen zu sichern und auf den arktischen Flugwegen mit schweren Bombenflugzeugen bis in das Herzland Rußlands vorzudringen.

Ernst Krüger