Das Wort "Kindermärchen" sollte aus der deutschen Sprache ausgemerzt werden. Es entstammt einer Zeit, in der die Erwachsenen sich über so etwas wie Märchen hoch erhaben dünkten und die Beschäftigung damit den Kindern überließen. Nun haben ja allerdings auch die großen Märchenerzähler und -sammler, Andersen etwa und die Brüder Grimm, an kindliche Zuhörer und Leser gedacht, als sie ihre Märchen erfanden oder aufzeichneten. Sie verführen noch ganz ohne jene onkelhafte Distanz zur Märchenwelt, die für die Erwachsenen des technischen Zeitalters so lange Ehrensache war, bis sie auf dem komplizierten Umwege über die wissenschaftliche Märchenforschung und die philosophische Märchendeutung allmählich wieder umgestimmt wurden. Heute, hundertvierzig Jahre nach dem Erscheinen von Grimms Kinder- und Hausmärchen", hat das Märchenbuch aufgehört, ein Reservat der Kinder zu sein, und ist abermals ein Hausbuch geworden.

Wenn ein so erwachsen in die Sprache verliebter Schriftsteller wie Gunter Groll "Erzählungen aus Tausendundeine Nacht" von neuem aufschreibt, entfernt er gewiß viele Arabesken und übergeht das deutlich Erotische, aber er kann damit rechnen, daß Schlichtheit und Glanz der Erzählung von allen großen und kleinen Lesern mit gleichem Entzücken aufgenommen werden. In der schönen Ausgabe der Droemerschen Verlagsanstalt, München, mit ihren vielen orientalisch wuchernden Illustrationen von Martin und Ruth Koser-Michaels ist der Vermerk "für Kinder" überflüssig geworden.

Auch das Wort "Kunstmärchen" hat heute nur noch historische Bedeutung. Oscar Wilde schrieb solche Kunstmärchen, die mit den volkstümlichen Formen spielten, um etwas ganz Persönliches und Abseitiges auszusagen. Von solchen Kunstmärchen sind Kinder im allgemeinen ausgeschlossen. Wenn ein heutiger Engländer, Richard Hughes, Märchen schreibt ("Das Walfischheim"‚ übertragen von Käthe Rosenberg, Band 14 der Bibliothek Suhrkamp, Berlin und Frankfurt/Main), dann geht er auf alle surrealistischen Späße und Tricks ein, die Kinder so lieben. Auch bei Helmuth Michaud ("Die klein? Bronzeglocke und andere Märchen", Franz Westphal Verlag, Wolfshagen-Scharbeutz) wird der Unterschied zwischen Volks- und Kunstmärchen hinfällig. Man könnte sich denken, daß ein Märchen wie "Das gläubige Herz" oder "Die unheimliche Birke" ganz von selber in den Volksmund übergeht, ohne daß der Name des Verfassers daran haften bleibt. Aber wäre das nicht der schönste Lohn? Auch das "Schneewittchen" muß ja irgendwann einmal einen Schöpfer gehabt haben.

Andere Länder – andere Kinder. In der heidnischeren Gascogne können auch die Kinder einen rauheren Ton vertragen als in den vom Puritanismus angehauchten nördlicheren Zivilisationen. Ängstliche Pädagogen, die ja auch gegen Grimms Märchen Bedenken haben, werden sich an den Härten dieser südfranzösischen Volksmärchen stoßen, die Jean-François Blade schon 1886 herausgab, die aber jetzt erst von Konrad Sandkühler übersetzt worden sind ("Der Mann in allen Farben Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart). Sie sind eben urwüchsig, noch nicht humanitär – und doch preisen sie die gute Tat, Erst bei den "Indischen Märchen", die Johannes Hertel herausgab (jetzt im Eugen Diederichs Verlag wiedererschienen), wird zuviel an Mythos und mythologischem Denken vorausgesetzt, als daß unsere Kinder in allen heimisch werden könnten. Aber es gibt ja auch Abende, an denen man den Kindern Märchen erzählt, und für den Märchenerzähler ist dieser Band, wie alle der Diederichs’schen Standardreihe "Märchen der Weltliteratur", eine unerschöpfliche Fundgrube. E. V.