Es war kein Weihnachtsmärchen, das in Darmstadt, wo man auch im Theater sehr gescheit ist, als Uraufführung "für große Leute" serviert wurde. Die "Kasperlespiele für große Leute" von Max Kommerell sind die Hinterlassenschaft eines Professors, der dichtete, aber nicht aufgeführt wurde. Nun ist es doch ein wenig blamabel für das Theater ganz im allgemeinen. Wie man die Sache auch dreht und wendet – wenn solche Manuskripte, sogar als Buch gedruckt, von Robert Pudlich illustriert und seit fünf Jahren vom Scherpe-Verlag in Krefeld auf den Markt gebracht, nicht eher eine Bühne finden, dann muß doch etwas dran sein an dem Vorwurf der Ausländerei. Wären Aufführungen noch zu Lebzeiten Kommerells zustande gekommen – er starb als Professor für Literaturgeschichte erst zweiundvierzigjährig schon 1944 in Marburg –, dieser ebenso kritische wie intuitive Geist hätte die schwachen Stellen seiner Spiele selbst erspäht und die Chance der Vollendung gehabt. So blieb es dem Darmstädter Intendanten Gustav Rudolf Sellner als Regisseur überlassen, das Beste fürs Theater herauszuholen.

Riskant war es freilich, im Theater der "großen Leute" die Marionetten des Kasperletheaters, also eine erstarrte und gänzlich naive Spielform der Schaubuden, mit Schauspielern zu erneuern. Hier konnte sich der Regisseur aber auf den Dichter verlassen. Wäre Kommerell nämlich nur ein literarhistorischer Rekonstrukteur gewesen, das Ganze wäre eine Seminarübung geblieben. Jedoch: man könnte seine Kasperlespiele, von denen es noch ein drittes (auch gedruckt) gibt, ruhig als Kindervorstellung geben. Die Zehn- bis Zwölfjährigen würden zwar noch nicht begreifen, was die großen Leute am Hintersinn so amüsiert; aber auch sie hätten einen echten Spaß, weil alles stimmt und lebt als reines Spiel.

Außerdem spielt Kommerell mit dem Spiel. Das eröffnet ihm die Tiefendimension auf dem Erwachsenentheater. Hier lauern allerdings auch die Fallstricke denen er nicht immer entging Kasperle der in dem einem Stück Einsiedler wird, im andern dem Übertempo der Zeit als Seliger der Saumseligkeit entgegengestellt wird, der die Sprache der Tiere versteht und die Prinzessin des schnellen Königs Dallifax bekommt, er ist, ganz unabhängig von dem Sinn und Unsinn, den er redet, als dramatische Figur ein kühner, tragfähiger Einfall. Deren gibt es noch mehrere. Biribi, das Krokodil, die Zauberer Rüsselschuff und Hintengering, die komplementäre Figuren sind, sogar Tod und Teufel reden nicht, sondern verkörpern eine Weisheit, die in der Spielzone kindlicher Einfalt unsere Welt transparent macht. Den Zuschauern konnte freilich nicht verborgen bleiben, daß diese dramaturgische Parallelität von Spiel und Bedeutung nicht konstant ist. In dem ersten Stück, "Kasperle wird Einsiedler", hat das naive Element die Oberhand. Das kritische ist auf Details beschränkt. Man könnte sie fast kabarettistisch pointieren. Im zweiten Spiel, "Die rote Hand", das für die Aufführung gekürzt wurde, füllt eine durchlaufende Zeitpersiflage nur einen Teil der Handlung, diesen allerdings um so zündender.

Für die Aufführung hatte sich Sellner als Helfer die Modernsten der Modernen geholt: Willi Baumeister als Bühnenbildner (mit Carola Tolkmitt für die Kostüme) und Hermann Heiss für die Musik. (Der "Einsiedler" heißt im Untertitel "eine musikalische Zauberposse".) Sie entsprachen mit ihrem Formelspiel der Freude des Regisseurs am reinen Mimus. So extravagant Sellner zuweilen erscheinen mag, bei dieser Gelegenheit zeigte sich’s, daß sein Suchen nach neuen Ausdrucksweisen auf einer handwerklich soliden Basis ruht und von einem Formsinn kontrolliert wird, der absoluten Rang hat. Eine Prägung der Regie, die unvergeßlich, weil gültig, obwohl Theatereigentum ist, war die furiose Bewegungsneurasthenie, die allen Akteuren am Hofe König Dallifax’ aufgeprägt war: ein persiflierendes Symbol des Tempos!

Diese Uraufführung war, weniger im Hinblick auf das nun einmal posthume Werk, das zu Ehren kam, wohl aber als Symptom, als Aufbruch, einer der wichtigsten Abende der deutschen Theatersaison.

Johannes Jacobi