Die große Jahreshauptversammlung der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände in Bremen stand ganz unter dem Zeichen der lohnpolitischen Forderungen, die diese Spitzenorganisation der deutschen Wirtschaft zum Ausdruck brachte. Da zu Ende des Jahres zahlreiche Lohn- und Tarifabkommen ablaufen, dürfen die Feststellungen der Bundesvereinigung als Generalkurs fürkünftige Verhandlungen aufgefaßt werden. Daß die Arbeitgeberorganisation dabei nicht nur wie bisher die Interessen der Unternehmerschaft vertritt, sondern ihr Handeln unter einen sozialpolitischen Blickwinkel stellt, braucht nur am Rande erwähnt zu werden. "Der Mensch im Mittelpunkt der sozialen Marktwirtschaft", so lautete das Motto der Jahresversammlung in Bremen, so lautet auch das Motto des Jahresberichtes und so sehen die Arbeitgeberorganisationen auch in der Tat ihre derzeitige Aufgabe.

Erfreulich ist die ruhige und besonnene Sprache, mit der die delikaten Themen rund um die Auseinandersetzung innerhalb der Betriebe angefaßt worden sind. Daß dabei erneut der Wunsch nach einer verständnisvollen Zusammenarbeit mit dem anderen Partner, nämlich mit den Gewerkschaften, zum Ausdruck kam, ist besonders erfreulich. "Wir sind nach wie vor gern zur Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften bereit. Aber die Anerkennung der Partnerschaft geschieht nicht um der Organisation oder ihrer Funktionäre willen, sondern um der Menschen willen, die um uns sind." In diesem Satz liegt ein sehr wesentlicher Schlüssel zum Verständnis der oft auseinanderlaufenden Auffassungen über die Tätigkeit der gewerkschaftlichen Organisationen und jener der Arbeitgeber.

Und "um der Menschen willen, die um uns sind", sind die lohnpolitischen Thesen der Arbeitgeber neu formuliert und in eine Art Dringlichkeitsfolge gebracht worden. Lohnerhöhungen müssen, wie es schon in den März-Thesen hieß, in den Grenzen der Produktivitätssteigerung bleiben, wenn nicht Arbeitslosigkeit oder Preissteigerungen die Folge sein sollen. In der gegenwärtigen Lage, in der auf Grund des Flüchtlingsstromes mit einer stets sich erneuernden strukturellen Arbeitslosigkeit zu rechnen ist, muß sogar das Zurückbleiben der Löhne hinter der Produktivität angestrebt werden, weil sonst die sozialpolitischen Aufgaben nicht zu lösen sind. Die Arbeitgeber sehen daher die Nutzanwendung der Produktivitätssteigerung zunächst für folgende vier Aufgaben als notwendig an: 1. Einsatz zur Schaffung neuer Arbeitsplätze; 2. Mithilfe am Ausbau sozialer Hilfsmaßnahmen für Rentner, Kriegsversehrte, für Flüchtlinge und kinderreiche Familien; 3. Einsatz zur Senkung der Verbraucherpreise und damit der Erhöhung der Gesamtkaufkraft der Volkes; 4. Mitverwendung für weitere Investitionen zur Rationalisierung und damit zur Produktivitätssteigerung der Zukunft und erst an fünfter Stelle zur weiteren Aufbesserung der nominellen Löhne.

Aus dieser Reihenfolge, darf der Schluß gezogen werden, daß die Wirtschaft die Zeit für gekommen hält, lohnpolitischen Forderungen gegenüber eine größere Zurückhaltung zu üben als bisher. Es dürfte auch allgemeine Auffassung sein daß zur Zeit kein Anlaß besteht, generelle Lohnerhöhungen durchzuführen, zumal das allgemeine Preisniveau teils gehalten bleibt, teils abbröckelt. Wir glauben auch bei den Gewerkschaften eine ähnliche Auffassung erwarten zu dürfen. Die sehr verständige und leider von der Öffentlichkeit zu wenig beachtete maßvolle Haltung der Industriegewerkschaft Bergbau anläßlich der jüngsten Lohndiskussion auf der außerordentlichen Delegiertenversammlung in Dortmund zeigte, daß die Einordnung der verständlichen persönlichen Wünsche in die Gesamtlage der Volkswirtschaft sehr ernsthaft auch von den Industriegewerkschaften beachtet werden kann. Hoffentlich haben auch andere Industriegewerkschaften eingesehen, daß die deutsche Arbeiterschaft nicht nur des Klassenkampfes, sondern auch der Arbeitskämpfe müde ist. Sie weiß, daß nicht nur Produktion und Betriebe, sondern auch sie selbst darunter am meisten leidet.

In diesem Zusammenhang ist bekanntgeworden, daß sich Walter Freitag für die Wiedereinsetzung einer Zentralarbeitsgemeinschaft ausgesprochen hat und einen entsprechenden Vorschlag machte. Aufgabe einer solchen Zentralarbeitsgemeinschaft zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften ist – wie nach dem ersten Weltkrieg schon einmal mit großem Erfolg erwiesen –, alle Streitpunkte zu klären, ehe Wirtschaftskämpfe ausbrechen. Die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände ließ jetzt deutlich erkennen, daß sie diesem Vorschlag sehr auf geschlossen gegenübersteht und auch in einer Zentralarbeitsgemeinschaft zur Zusammenarbeit und Aussprache mit den Gewerkschaften bereit ist.

Leider aber war die Tagung nicht ohne sinen Schatten. Dr. Walter Reymond, der langjährige Vorsitzende dieser Spitzenorganisation aller Zweige der deutschen Wirtschaft, der Banken, der Versicherungen, des Handels, des Handwerks, des Transportgewerbes und der Landwirtschaft, ist im Alter von über 68 Jahren von diesem Posten zurückgetreten. Noch ist sein Nachfolger nicht gefunden. Dies ist auch nicht leicht, weil die Bundes Vereinigung in gleicher Linie weiterzuarbeiten gewillt ist, wie sie Dr. Raymond in den vergangenen Jahren geleistet hat. Raymond, der nunmehr Ehrenpräsident der-Bundesvereinigung, ist, hat mit vorsichtiger, aber fester Hand, mit Takt und Geschick, nüchtern und doch mit einem glühenden Herzen die Geschäfte geführt Über seinem Wirken stand und steht ein von ihm einmal ausgesprochener und von Religiosität erfüllter Leitsatz, der zugleich auch Leitsatz für ihn als Unternehmer in seinem eigenen Betriebe ist: "Vergessen wir niemals, daß die Vergebung der Sünden nicht nur im Himmel, sondern gerade auch auf Erden zu geschehen hat."

Wenn auch in Zukunft die deutschen Arbeitgeberverbände von einer solchen Persönlichkeit geführt werden, dann braucht niemand um die Entwicklung der nächsten Jahre besorgt zu sein; denn über allem steht der Wille, den sozialen Frieden zu erhalten und zu vertiefen. Rlt.