Von Reisebüchern gilt auch, was Zola einmal vom Kunstwerk gesagt hat, sie sind un coin de la nature, vue a travers d’un temperament. Der Satz wird häufig zitiert in bezug auf die Malerei, von der ein anderer Weiser, G. Chr. Lichtenberg, behauptete, sie habe, genau wie das Trinken und die Liebe, ihren mechanischen und ihren dichterischen Teil; was wiederum auch auf die Reisebücher zutrifft. In einem guten Reisebuch muß also beides enthalten sein, die Mechanik, das heißt: Erfahrung und handwerkliches Können und eben jenes dichterische Moment, das die irrationalen, die Gefühlswerte offenbart. – Das Fazit, welches USA-Bundesrichter William O. Douglas aus seinen unter dem Titel

"Gärender Orient" von William O. Douglas (Diana Verlag, Stuttgart-Konstanz)

beschriebenen Reisen von Griechenland bis Indien zieht, lautet so: "Die Welt kann und soll nicht nach amerikanischen Normen standardisiert werden!" Bedenkt man, daß seine Erkenntnisse schon einige Jahre zurück datieren sie wurden gewonnen, als Nordamerika noch in den Weltbeglückungsideen der Nachkriegsepoche schwärmte, dann müssen ihnen logischerweise klarer Verstand und gute Beobachtungsgabe zugrunde liegen. Beides bezeugt sein Buch, das sehr unakademisch und dafür um so toleranter Länder des Nahen Ostens behandelt, die politisch wie wirtschaftlich heute im Vordergrund des Interesses stehen. – Ganz anders sieht Robert Payne den Orient:

"Persische Reise" von Robert Payne (Otto Müller Verlag, Salzburg).

Wer seine Mao-Tse-Tung-Biographie kennt, der weiß, daß diesem britischen Publizisten das Geistige näher liegt als das Materielle. Er stellt den Dichter höher als den Volkstribunen. Dieses Anliegen wird nun noch offensichtlicher. Von Politik und Petroleum ist hier überhaupt nicht die Rede, viel aber von Landschaft, Menschen, alten Bauten und Kunstwerken. Bei ihrer Beschreibung wird Payne fast selbst zum Dichter "einer Welt schlichter Majestät, in der die Hoheit reinlinig und die Verehrung einfach war, ehe noch komplizierte Riten das Herz verwirrten. – Neuland beschreitet der Engländer

Stephen Spender: "Aliyah, eine Reise durch Israel" (Steingrüben Verlag, Stuttgart).

Aliyah, das ist die zukunftsträchtige Jugendgemeinschaft dieses Landes voller Hoffnung, Sorgen und Probleme, in die sich der Autor mit aller Liebe, aber auch mit allen Vorbehalten des Für und Wider eingehend versenkt. Eine tief nachdenkliche Betrachtung, besonders für den, der aus den Wirren der eigenen Vergangenheit so leicht ein Vergessen zu rechtfertigen sucht und hier in nüchternen Zahlen noch einmal erfährt, was wirklich gewesen ist. Spender streift Vorgeschichte und Voraussetzungen des jungen Staates, um alsbald seine heutige Aktualität durch persönliche Eindrücke und Erfahrungen zu belegen. Moderne Großstädte, wie das aus Sanddünen emporgeschossene Tel Aviv, neue Siedlungen und alte Bauerngehöfte, das Weizmann-Institut als Zentrum wissenschaftlicher Forschung und Jerusalem, das "ewige Mahnmal für die paradoxe Natur des jüdischen Staates, der plötzlich alles, was sich in den vergangenen 2000 Jahren auf die Juden bezogen hat, in sein Gegenteil umzuwandeln bestrebt ist". Ob es ihm gelingen wird, ob er, wenn einmal die reichen Subventionen zu fließen aufgehört haben, auch weiterhin lebensfähig bleiben wird, diese Frage steht offen.