Im vertrauten Kreise wurde er einstmals "Onkel Bobsy" genannt, und wirklich war der ehemalige Bankdirektor Heinrich Bobsien in seiner kurzen Glanzzeit, in den Jahren 1948 bis 1950, der "gute Onkel" für die Herausgeber und Mitarbeiter der "Deutschen Bauernzeitung", wo bei einer Auflage von (maximal) 30 000 Exemplaren monatliche Zuschüsse in Höhe von 50 000 DM verwirtschaftet wurden. Keiner aus jenem Kreise scheint sich darüber Gedanken gemacht zu haben, daß es ja wohl nicht Aufgabe einer kleinen gewerblichen Bank sein konnte, nach und nach 800 000 DM (und mehr!) in die Finanzierung eines Instruments der Agrarpolitik hineinzustecken: einen Betrag also, der seiner Größenordnung nach niemals aus Gewinnen dieser Bank stammen konnte, dessen Verlust aber sicherlich für die Aktionäre der Bank, vielleicht auch für ihre Einleger, nachteilig sein würde... Dabei waren die Träger jener Kommanditgesellschaft, von der die "Deutsche Bauernzeitung" herausgegeben wurde, keineswegs geschäftlich unerfahren; es hätte für sie auch eine hinreichende Warnung bedeuten können, daß einige in Verlagsgeschäften versierte Männer, wie etwa Dr. Platow, rechtzeitig "ausstiegen", weil sie dem Blatt seiner ganzen Entwicklung nach keine Ertragschancen mehr gaben. Die Sache wird nicht besser dadurch, daß einer der Komplementäre keinerlei Nachschüsse zu leisten brauchte, daß er also (wie es der Vorsitzende der Ersten Strafkammer des Landgerichts Hamburg im Bobsien-Prozeß formulierte) "von der Haftung freigestellt" und daß so "das Gesetz in sein Gegenteil verkehrt" wurde. Ist es zutreffend, daß dieser Komplementär der Gründer der "Deutscher Bauernzeitung" war, nämlich der ehemalige Landrat Dr. Pagel? Und wenn es zutreffend ist: wie läßt es sich erklären, daß er heute noch in Kiel amtierender Minister sein kann – drei Jahre nach dem Zusammenbruch der Zeitung und der Bank, und nachdem nun die gesetzwidrige Geschäftsgebarung gerichtsnotorisch geworden ist?

Das wäre freilich nicht die einzige Frage, die sich nach der Verurteilung Bobsiens (zu sechs Jahren Gefängnis und vier Jahren Ehrverlust) aufdrängt... Die Person des Schuldigen – nun, sie ist einigermaßen uninteressant. Eher muß man sich wohl fragen, wie es dazu kommen konnte, daß diesem früheren Depositenkassen-Vorsteher bei der "Vereinsbank" – nachdem ihm die Leitung der ehemaligen Viehmarktbank ("Schlachterbank"), also der Hamburger "Handels- und Verkehrsbank", anvertraut worden war – die Rolle eines großen Finanziers zuerkannt wurde. Daß er, von pfiffigjovialem Wesen und betont selbstgefällig auftretend, kein überragendes Persönlichkeitsformat besaß ("der gute Onkel Bobsy"): das hätte wohl jedem unbefangenen Beobachter klar werden müssen – ebenso, wie kein nüchterner Geschäftsmann wohl je dazu gekommen wäre, in Bobsien einen überragend befähigten Bankier zu sehen: ein "Naturtalent" sozusagen auf dem Gebiete der Finanzierungen. Wenn es ihm trotzdem gelungen ist, bei einem relativ geringen Eigenkapital "seiner" Bank ein Engagement von 20 Mill. DM aufzubauen, so nur deshalb, weil, ihm allzu vertrauensselig Refinanzierungsmöglichkeiten erschlossen und Einlagen anvertraut wurden. Soweit diese Einlagen aus dem alten Kundenkreis des Instituts stammten – es handelt sich da um etwa 4,5 Mill. DM –, ist ein Schaden abgewendet worden, dank der Bereitschaft eines Hamburger Bankenkonsortiums, die Forderungen voll zu befriedigen. Für die großen Einlagenposten aber ergeben sich (bei einer endgültigen Konkursquote von 32 v. H.) Verluste von gut zwei Dritteln der Summen.

Davon ist insbesondere die Bundeskasse betroffen, nämlich mit einem Verlust von 4 Mill. DM bei dem urspünglich 6,8 Mill. ausmachenden Guthaben der "Dienststelle für Sonderverpflegung". Und wieder muß man fragen, welche Konsequenzen hieraus gezogen worden sind ... Die Förderung, man solle derartige Gelder nur bei öffentlichen Banken deponieren, liegt nahe – wesentlicher erscheint uns freilich, daß es künftig gar nicht mehr zur Bildung und Beibehaltung solcher "Fonds" kommt, die neben der Bundeskasse bestehen und denen gegenüber die Kontrolle des Parlaments (vielleicht sogar diejenige des Bundesrechnungshofes?) offenbar praktisch unwirksam bleibt. Man hat wenigstens bisher noch nichts aus Bonn gehört, weder aus dem Ernährungsnoch aus dem Finanzministerium, und erst recht nichts aus dem Bundestag, daß in Sachen der Verluste bei der Bobsien-Bank (die ja, in einem anderen Falle, auch die Bundeszollkasse betreffen) irgend jemand zur Rechenschaft gezogen oder irgendeine Maßnahme sonst getroffen worden ist.

Das soll nun nicht heißen, daß wir nachträglich noch den Kopf von Dr. Görsdorf forderten, der s. Z. die "Dienststelle Sonderverpflegung" leitete, und dessen persönliche Integrität sich ja wohl in einem Disziplinarverfahren ergeben hat. Ihm war die Bank empfohlen, und zwar von den verschiedensten Seiten her; er war auch immer wieder bemüht, sich selber ein Urteil über ihre Bonität zu bilden, und, als ihm das nicht gelang – die Monatsabschlüsse konnte er nämlich nicht einsehen –, sich einwandfreie Auskünfte über ihre Bonität zu verschaffen: sowohl anfangs, wie auch Immer wieder später, nachdem das Guthaben seiner Dienststelle dort (ursprünglich, im Herbst 1949, noch nicht 1,5 Mill. DM umfassend) schnell auf mehr als den vierfachen Betrag angewachsen war. Sein Pech, daß er nur gute Auskünfte bekam! Wie aber hätte er wissen können, daß die beiden Männer, von denen ihm gesagt wurde, sie seien über die Bonität der Bobsien-Bank bestens im Bilde, geschäftlich wie persönlich daran interessiert waren, Bobsien und seiner Bank das beste Zeugnis auszustellen ... Da war zunächst Dr. Wrede, früher in Hamburg und zur fraglichen Zeit bei der BdL tätig. Ihm hatte die Schlachterbank einen (ungesicherten) Kredit in Höhe von 100 000 DM gegeben (– "eine lächerliche Summe", wie Bobsien charakteristischerweise noch vor Gericht sagte). Wrede, der weder befugt war, derartige Auskünfte zu geben, noch aus eigener Kenntnis der Unterlagen etwas über die Bonität der Bobsien-Bank hätte sagen können, stützte sich in seinem denkbar günstig ausgefallenen Gutachten auf einen "Bericht", den ein ständig für die Bank tätiger Wirtschaftsprüfer – alles Negative kunstvoll bemäntelnd – ad hoc angefertigt hatte. Dieser, der Wirtschaftsprüfer, wurde von seiner Berufsvereinigung hierfür, mit 2000 DM Geldstrafe belegt und erhielt einen Verweis Jener, Dr. Wrede, zog beim Zusammenbruch der Bank die letzte Konsequenz; er ging in den Tod. Daß er sich dabei als Märtyrer vorkam, wird ihm niemand von uns zum Vorwurf machen können. Anders aber ist zu beurteilen, daß ein nachgelassener Brief von ihm durch eine "vertrauliche Korrespondenz", deren Namen hier nicht noch einmal genannt werden soll, an die Öffentlichkeit gebracht worden ist: als ein Kampfmittel in der kreditpolitischen Auseinandersetzung jener Zeit, veröffentlicht in der Absicht, die ehemaligen Kollegen des Dr. Wrede persönlich zu diffamieren, sachlich ins Unrecht zu setzen. Dergleichen ist auch nach drei Jahren noch nicht zu vergessen: zu verzeihen ist es wohl nie.