Der Pressechef der SPD, Fritz Keine, gehört seit der Bundestagswahl zu den umstrittensten Personen in der Partei. Nicht nur seine vielen alten Gegner, die offen gegen ihn auftraten, auch die bisher stillen, die sich jahrelang aus Vorsicht zurückgehalten hatten, standen nun gegen ihn auf. Sie warfen ihm vor, er hätte den Wahlkampf schlecht geführt und es treffe daher ihn die Hauptschuld an dem für die Partei ungünstigen Wahlausgang. Nun, man kann aus guten Gründen der Meinung sein, daß auch ein besser geführter Wahlkampf in diesem Zeitpunkte der SPD kein wesentlich besseres Resultat gebracht hätte. Das nimmt freilich der Kritik an Heine, daß ihm keine zün-Menden Parolen eingefallen seien, nichts von ihrer Berechtigung.

Das Versagen der SPD hat jedoch tiefere Gründe als die mäßige Wahlpropaganda. Es rührt von dem Erstarren her in einer zum Teil überholten Tradition, daher das Unverständnis vieler für den Appell an eine Vorstellungswelt, die ihnen entweder verlorengegangen oder nie bewußt geworden ist, kurz: man ist in Werten und Worten von gestern befangen, die an Überzeugungskraft verloren haben. Wenn man die Tätigkeit Fritz Heines unter diesem Gesichtspunkt beurteilt, gewinnt die an ihm geübte Kritik eine richtigere Perspektive. Heine ist durch seine geistige Herkunft und Entwicklung tief in der marxistischen Gesellschaftsbetrachtung verwurzelt. Der lange Aufenthalt als Emigrant in England hat ihn anscheinend mehr in seinen politischen Erinnerungen bestärkt, als daß ihm die Begegnung mit der reformistischen Labour Party neue Aspekte eröffnet hätte. So kehrte er mit vielen Ressentiments und wenig neuen Ideen nach Deutschland zurück.

Man erzählte sich, als noch Dr. Schumacher lebte, daß Heine in der Partei großen Einfluß hätte. Nun, unter Dr. Schumachers autoritärer Führung fehlte "grauen Eminenzen" das willige Ohr. Mag sein, daß dies seit Schumachers Tod anders geworden ist, daß seither, wie behauptet wird, manche Entscheidung der Partei von Fritz Heine stärker beeinflußt wurde als früher. Das mag den Widerstand in bestimmten Parteitreuen gegen ihn verschärft haben.

Es wurde ihm vorgeworfen, daß er, um Einfluß zu gewinnen, in seinen Mitteln nicht immer wählerisch sei. Der hessische Innenminister und dessen Chef übten scharfe Kritik an diesen Methoden. Es war bekanntgeworden, daß Informationen aus dem hessischen Verfassungsschutzamt ohne Kenntnis des hessischen Ministerpräsidenten und seines Innenministers regelmäßig an Heine weitergeleitet wurden, der dadurch auch über parteiinterne Vorgänge in Wiesbaden Material erhielt, das sich unter Umständen zu gegebener Zeit hätte entsprechend verwenden lassen. Innenminister Zinnkann zeigte sich erschüttert, als ihm auf einer Pressekonferenz ein Journalist Originalstücke dieses geheimnis-verräterischen Schriftwechsels auf den Tisch legte. Am 13. November erklärte der Minister, "daß sich selbstverständlich auch die Mitglieder des SPD-Hauptvorstandes Heine und Ortloff des Vergehens gegen, Paragraph 353 Strafgesetz mitschuldig gemacht hätten." Man hat vor einigen Tagen diese Differenzen in einem mehrstündigen Gespräch zwischen den unmittelbar Betroffenen im SPD-Haus in Bonn durch eine Formel zu überbrücken versucht, die das Ungewöhnliche des Vorgangs als eine zwischen den Verfassungsschutzämtern der Länder, dem Bundesverfassungsschutzamt und Bonn übliche, ja seinerzeit abgesprochene Gepflogenheit hinstellt. Wie immer dem sei, ein peinlicher Nachgeschmack bleibt jedenfalls.

Heine ist einer von den Orthodoxen des linken Parteiflügels. Er will, was in seine Blickrichtung nicht hineinpaßt, nicht wahrhaben. Daher die Befangenheit seines Urteils, die falschen Prognosen. Im August 1951 sagte er im Hinblick auf einen Beschluß der Internationalen Ruhrbehörde für den kommenden Winter eine Zunahme der Arbeitslosigkeit um Hunderttausende voraus, im April 1952 äußerte er vor Auslandsdeutschen in London die Befürchtung, daß mit einem Anschwellen der rechtsradikalen Bewegung in Deutschland zu rechnen sei. Nachdem dann die katastrophale Niederlage der Rechts- wie der Linksradikalen evident war, beschwor er in der belgischen Zeitung Le Peuple die Gefahr, daß sich in der Bundesrepublik ein "reaktionär-klerikales Dollfuß-Regime" herausbilden könne. Die verlorene Wahlschlacht und die durch sie hervorgerufene Kritik an ihm verleitete ihn zu Angriffen gegen die Bundesregierung im Ausland, die der Sache der Nation schaden können. Im Pariser Populaire säte er Zweifel an der demokratischen Gesinnung der Regierung Adenauer. Die "Politik der Stärke" sei von vielen "chauvinistischen Wählern als ein Appell an die Stärke verstanden worden". Die "Geschichte Deutschlands, besonders die der letzten Jahrzehnte", biete beweiskräftige Beispiele dafür, wie man "die in Bewegung begriffenen Wählermassen mißbrauchen" könne. Eher sind schon seine Übertreibungen bei der Darstellung seines Wahlkampfes zu verstehen, der ja auf beiden Seiten mit sehr robusten Mitteln geführt wurde und daher bei dem Verlierer begreiflicherweise einen nicht leicht überwindbaren Ärger zurückließ. Heines persönliches Mißtrauen wurde durch diesen Mißerfolg noch geschürt. Schwer vorstellbar, daß die SPD mit Fritz Heine als Pressechef in die Aufgabe hineinwachsen könnte, die Partei des kleinen Mannes schlechthin und nicht nur des traditionellen sozialdemokratischen Wählers aus der Arbeiterschaft zu werden.

Heine hat ein zum Teil abenteuerliches Leben hinter sich. Er wurde 1925 vom Parteivorstand der SPD als junger Mann nach Berlin geholt. Nach 1933 emigrierte er zunächst nach Prag, von wo er mehrmals unter dramatischen Umständen als Geheimkurier nach Deutschland fuhr. Seit 1941 lebte er in London. Dort hielt er enge Verbindung zu Ollenhauer und Knoeringen. Im persönlichen Umgang tritt Heine, wie auch Parteifreunde von ihm behaupten, nur selten aus seiner Zurückhaltung heraus. Er hat eine verbindliche Art, aber auch gute Bekannte und Freunde meinen, daß es schwer, sei, mit ihm Kontakt zu gewinnen. F. B.