Wien, Ende November

Der Schubert-Monat brachte in Wiens traditionellem Premierenkino Apollo eine filmische Überraschung: die Uraufführung des Schubert-Films, der vor einigen Monaten auf dem Rosenhügel gedreht worden ist. Das größte österreichische Filmatelier geriet seinerzeit als deutsches Eigentum in russische Hände. Seither werden dort – mit Mitteln, die diejenigen der übrigen österreichischen Atelier- und Produktionsgesellschaften weit überragen – Filme gedreht, die zwar unter der Kennmarke "österreichisch" in die Welt hinaussegeln, in ihrer Kalkulation aber völlig aus der hiesigen Produktion herausgehoben sind. Sie werden in der Regel von der russischen Militärbank finanziert, und die Einspielergebnisse werden in der Hauptsache jenseits des Eisernen Vorhanges erzielt. Solche Filme müssen natürlich einige Winke mit unübersehbaren Zaunpfählen enthalten. So auch der Schubertfilm, der im Zeichen des 125. Todestages das Licht der Leinwand erblickte.

Franz Schuberts Leben spielt sich darin etwa so ab: unablässig komponierend schreitet Franz Schubert (Heinrich Schweiger) durchs Biedermeierzeitalter, verwechselt sämtliche Perioden seines Lebens, indem er etwa knapp hintereinander den "Erlkönig" und die "Forelle" schreibt, wird vom Bürgertum gering. geschätzt, vom einfachen Volk aber verstanden. Auch die Liebe zu Therese Grob (Aglaja Schmid) ist ein solcher unglücklicher Ausflug ins Bürgerlich-Kapitalistische. Der Bruder Theresens will einen Schwager mit viel Geld, und dem armen Schubert wird von einem Bäcker an Hand eines Sackes Mehl die Marxsche Mehrwertlehre demonstriert. Bis in die Kreise des Hoftheaters reicht der Einfluß dieser bösen Bäcker, und so ist denn auch niemand überrascht, daß Schubert die angestrebte Stelle als Kapellmeister nicht erhält. Freunde, Mädchen und kapitalistische Gesellschaft haben ihn schließlich verlassen, nur die rührende Anhänglichkeit einer Portierstochter ist ihm geblieben. Nachdem er sein kompositorisches Plansoll weit überschritten hat, sinkt er aufs Lager zurück, die Brille entgleitet seiner Hand und zerbricht. Ende.

Walter Colm-Veltée, der schon einmal einen dick aufgetragenen Beethovenfilm ("Eroica") drehte, zeichnet für Buch und Regie verantwortlich, und der österreichische Unterrichtsminister Dr. Kolb, der der österreichischen Volkspartei angehört, hat den Ehrenschutz über die Premiere übernommen. Einen Tag nach der Wiener Uraufführung lief der Film in Moskau an. Am selben Tag gab Dimitrij Schostakowitsch die offizielle Schubert-Auffassung in der "Prawda" bekannt: "Ohne Zweifel sind infolge der schwierigen Lebensverhältnisse, die die zivilisierten Barbaren jener Epoche dem großen Künstler bereiteten, infolge der verbrecherischen Haltung engstirniger und aggressiver Machthaber gegenüber fortschrittlichen Künstlern etliche Schubert-Manuskripte spurlos verschwunden. Die Menschheit würde dadurch um kostbare Schätze gebracht; Größten Ruhm und weiteste Verbreitung fand Schuberts Schaffen in der Sowjetunion und in den Volksdemokratien, und das ist auch ganz natürlich." W. H.