Auch wenn der kleine Max gelegentlich mit wissenschaftlicher Gründlichkeit und ohne sich dabei viel zu denken, einer Fliege die Beine ausreißt; auch wenn der Fox Flip durch einen zärtlichen Biß und ohne sich dabei überhaupt etwas zu denken, die Schmackhaftigkeit eines Wadenbeins von Klein-Lotti ausprobiert – sie sind einander im allgemeinen besonders herzlich zugetan: die Kinder und die Tiere. Und wie jedes Kind etwas von einem kleinen Tier hat und jedes Tier etwas von einem Kind, so haben sie miteinander gemein, daß sie beide im Stande der Unschuld leben und den erwachsenen Menschen mehr oder weniger stark ausgeliefert sind. Weil sie die Tiere mögen, lesen Kinder gerne Tierbücher. Aber manchmal geraten ihnen die falschen in die Finger. Da werden den Tieren menschliche Seelen eingebaut, ihr Dasein sentimentalisiert, da verwischen die Konturen und die Natur wird verfälscht. Tiere aber sollen Tiere bleiben und Tierbücher Verständnis für ihre andersgeartete Lebensweise erwecken und den Kindern zeigen, wie sie sich dem Tier gegenüber verhalten sollen.

Von sechs Tierbüchern, die sich für den Weihnachtstisch anbieten, entraten zwei der Gefahr, das Tier zu vermenschlichen, nicht ganz. Das gilt vor allem für den Igel Schniefnase (der mehr von einem als Igel verkleideten Menschen hat als von einem Igel. (Hans Wilhelm Schmolik: "Schniefnase. Aus dem Leben eines Igels." 79 S. Enßlin & Laiblin Verlag Reutlingen). Doch wird das Leben Schniefnases, seine Ehe mit Triefmäulchen, seine Kämpfe mit dem Fuchs, dem Iltis, dem Habicht und der Kreuzotter, seine Zeit bei den Menschen und sein Tod durch einen Krähenschwarm so warmherzig und gemütvoll erzählt, daß man dem Buch darum nicht gram sein möchte.

Auch nicht dem anderen, dessen Held ein Wildschwein ist. Es heißt Wutz und könnte, wie es einem auf dem Einband entgegenstarrt, auch gar nicht anders heißen. (Arthur Roßbach: "Wutz. Die Geschichte eines Wildschweines." 80 S. Enßlin & Laiblin Verlag, Reutlingen.) Auch Wutz beschleichen bisweilen menschliche Gefühle, aber im allgemeinen ist er doch jeder Zoll ein echte? Wildschwein. Wie aus einem kleinen Frischling ein alter Keiler wird, wie er sich mit dem Rotfuchs herumschlägt und es später mit den schärfsten Jagdhunden und kühnsten Jägern aufnimmt, bis er schließlich zum entscheidenden Kampf mit seinem schlimmsten Feinde, dem weißbärtigen Förster, antreten muß ... das ist spannend und liebevoll erzählt und macht einem sogar ein Wildschwein sympathisch.

Nur wenn sich ein Tierbuch bewußt unrealistisch gibt und auf jeden wissenschaftlichen Anstrich verzichtet, dann ist es statthaft, wenn die Tiere sprechen können und mit den Kindern auf du und du stehen: E. B. White, "Schweinchen Wilbur" (Blanvalet, Berlin. 200 Seiten). – Hier hat nun ein Amerikaner mit angelsächsisch – versponnenem Humor in märchenhafter Form eine besonders niedliche, sehr amüsante Geschichte geschrieben, ein rechtes Tierkinderbuch, über das nicht nur die Kleinen schmunzeln werden, sondern auch die Großen, wenn sie es ihnen vorlesen.

Vorbildlich, weil das Tier als Tier gesehen und erklärt wird, ist die Erzählung von dem Eichhörnchen Quickloh (Kurt Knaak: "Quickloh. Die Lebensgeschichte eines Eichhörnchens." 102 S. Enßlin & Laiblin Verlag, Reutlingen). Quickloh ist eine Eichhörnchendame, der wir samt ihrer Sippe begegnen und der es im Handumdrehen gelingt, nicht nur unsere Sympathien, sondern auch die zahlreicher Eichhörnchenherren zu gewinnen. Aber nicht nur ihrer Verehrer, sondern auch der großen Räuber des Waldes, der Baummarder und Waldkäuze, muß sie sich erwehren, muß ihre Jungen groß ziehen und dann erleben, wie sie vom Waidmann zum Schutze der Bäume und Singvögel gejagt werden. Ganz nebenbei erfährt man viel Wissenswertes aus dem Reich der Natur, das der Autor, Verfasser einer Reihe von Tierbüchern, sehr genau studiert hat.

Ein großer Tierfreund und -kenner ist auch Walter von Sanden-Guja, der uns mit Ingo, einem Fischotter, bekannt macht. (Walter von Sanden-Guja: "Ingo. Die Geschichte meines Fischotters." 106 S.,5,80DM, Franckh’sche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart.) Dieses Buch muß einfach jedem Tierfreund gewaltigen Spaß bereiten. Schon die zahlreichen Fotos dieses seltenen Tieres entfachen helles Entzücken, und wenn der Autor mit viel Humor erzählt, wie er Ingo, seinen neuen, reichlich unruhigen Hausgenossen, hegt und pflegt, ihn belauscht und beobachtet, mit ihm tollt und spielt, ist das auch für den erwachsenen Leser ein ungetrübtes Vergnügen.

Viel Vergnügen dürfte den Kindern auch die Geschichte von Ajax, dem Hunde, bereiten. (Mary Elwyn Patchett: "Ajax, mein Lebensretter Erika Klopp Verlag, Berlin. 174 S. Deutsch von Walter Schürenberg.) Hier schildert ein Mädchen spannend und heiter ihre Erlebnisse auf der väterlichen Rinderfarm, erzählt von der unendlichen Weite ihrer australischen Heimat, von ihrer Liebe zu Ajax, der ihr zweimal das Leben rettet, eine Liebe, die sich auch den Lesern mitteilen wird.

Weil sie Liebe zu Tieren – aber keine Affenliebe – erwecken, weil sie das Verständnis für ihr Dasein fördern und weil sie sachkundig, fesselnd und launig geschrieben sind, kann den Papas und Mamas geraten werden, das eine oder andere der hier erwähnten Bücher dem Weihnachtsmann mit auf den Weg zu geben. Die Kinder werden daran ihre Freude haben, ja, sogar die Tiere würden es – wenn sie eben keine Tiere wären und lesen könnten. Wolfgang Ebert