Soviel zum Fall des einen Mannes, der eine günstige Auskunft über Bobsien gab. Dr. Görsdorf hatte aber noch bei anderen Stellen Nachfrage gehalten. Vom Direktor einer Hamburger Großbank wurde ihm gesprächsweise gesagt, daß diese eine Geschäftsverbindung mit Bobsien ablehne. Den naheliegenden Weg, zur Landeszentralbank zu gehen, hat Görsdorf nicht beschritten: dort hätte er – vielleicht! – erfahren können, daß Bobsien es mit seinen gesetzlichen Pflichten als Bankier nicht recht ernst nahm, was die Haltung von Mindestreserven und die regelmäßig zu erstattenden Kreditmeldungen anbetraf... eventuell wäre ihm (Görsdorf) das gesagt worden; vielleicht hätte man auch geschwiegen, da die Verstöße Bobsiens gegenüber den Organen der Bankenaufsicht (Landeszentralbank und Finanzbehörde) von diesen ja leider als nicht weiter gravierend empfunden wurden. (Man hat sich jedenfalls bis zur nächsten Mahnung ein halbes Jahr Zeit gelassen, vom Mai bis zum November 1949, nachdem eine erste Mahnung in Sachen ungenügender Mindestreservenhaltung erfolglos geblieben war; es unterblieb auch jegliche Kontrolle der Kreditmeldungen.) Nun, für die Mängel der Bankenaufsicht wird man Dr. Görsdorf ja kaum verantwortlich machen dürfen – die Konsequenzen aus ihrem Versagen zu ziehen (was spätestens nach dem Krach vom Dezember 1950 hätte der Fall sein sollen), wäre ja Sache anderer Leute. Dr. Görsdorf jedenfalls hat sich damals weiter bemüht, Auskunft über die Bobsien-Bank zu erhalten. Was er von Männern "seines" Ministeriums erfuhr, klang passabel: für diese war Bobsien eine Art Mäzen, der es sich erlauben konnte, in uneigennützigster Weise eine Bauernzeitung – ja sogar: die Bauernzeitung schlechthin! – zu finanzieren, ohne nun etwa dem Blatt irgendeine bestimmte Tendenz aufzunötigen ... er war eben "der brave Onkel Bobsy"! – Von den Mitgliedern des Aufsichtsrates der Schlachterbank, die sich (Neuwahlen waren ja damals nicht möglich) vielleicht doch allzu leicht damit abgefunden haben, durch Bobsien beiseitegeschoben zu werden, hätte Dr. Görsdorf vermutlich auch keine erschöpfende Auskunft über "ihre alte Bank" und deren ("braven") langjährigen Leiter erhalten können. Er ging also, verständiger- und verständlicherweise, zum Leiter der Hausbank des hamburgischen Staates, zu Generaldirektor Fengefisch. Dort bekam er denn auch so gute Auskünfte, wie er sie sich nur wünschen konnte. Und damit sind wir nun bei dem "Fall Fengefisch" angelangt.

Dieser "Fall" ist in seiner ganzen Breite hier und heute kaum zu behandeln. Es soll deshalb zunächst sein Bewenden mit dem Hinweis darauf haben, daß in der Begründung des Bobsien-Urteils der Name Fengefisch immer wieder genannt werden mußte: als der Name "des Freundes und Helfers", den sich Bobsien ("wie allgemein bekannt") "verbindlich machte" – ohne daß eigentlich Fengefisch dies so gewollt habe (wie der Vorsitzende der Strafkammer entschuldigend hervorhob). Obwohl er, bei seinen engen geschäftlichen Beziehungen zur Schlachter-Bank, von der "unsauberen" Wirtschaft dort hätte wissen müssen, habe Fengefisch seine "schützende Freundeshand" weiter über Bobsien gehalten und erst im Juli 1950, nachdem er entsprechend gewarnt worden war, die Konsequenzen (durch Einschränkung des Refinanzierungsgeschäfts) gezogen. Wenige Monate vorher aber, zu Anfang Dezember 1949, hatte er sich noch dazu bereitgefunden, Dr. Görsdorf die erbetene Auskunft über die Bank zu geben, und zwar eine brillante Auskunft – wobei sich offenbar keiner der Beteiligten daran gestoßen hat, daß dies in Gegenwart von "Freund Heinrich Bobsien" geschah. Die Sache wird nachträglich nicht besser dadurch, daß Fengefisch jetzt vor Gericht gewisse Äußerungen bestritten hat, die damals, wie drei Zeugen unter Eid aussagten, gefallen sind; Fengefisch selber blieb insoweit unvereidigt: als unglaubwürdig, da unter dem Verdacht der Mittäterschaft stehend. – Man hätte ja wohl erwarten sollen, daß die Nachricht von diesen nun gerichtsnotorisch gewordenen Vorgängen auf der Hamburger Börse und der Hamburger Finanzbehörde wie eine Bombe eingeschlagen wäre. Aber auf der Börse wurde all das keineswegs als Sensation empfunden, sondern achselzuckend abgetan, mit dem Kommentar: "Wir kennen ja schließlich den Mann schon eine ganze Weile: wir wissen längst über ihn Bescheid!" – Vom Finanzsenator Dr. Dudek war bisher noch überhaupt nichts zu hören. So wissen wir also nicht, ob die Aufsichtsbehörde jetzt eine Änderung in der Leitung ihrer Staatsbank vornehmen will, oder dies dem neuen Leiter des Finanzressorts vorbehalten bleiben soll. Erwin Topf