Kein blauer Himmel über Los Angeles – Schöpferische Pause in Hollywood / USA – Beobachtungen von Eka v. Merveldt

Los Angeles, im Dezember

Was wollen Sie in Los Angeles? Hollywood ist nicht Amerika! Jeder zwischen New York und San Franzisko, dem ich erzählte, daß ich auf dem Wege in die Filmstadt sei, sah mich mit Sorge, mit mitleidigem oder geringschätzigem Lächeln oder mit einer gewissen Geniertheit an. Beim Besuch dieser Stadt scheint der Amerikaner am meisten um die Antwort des Fremden auf die ständige Frage "Wie gefällt Ihnen unser Land" zu Sangen. Die Washingtoner Wortführerin der League of Women Voters wurde geradezu zornig, was bei den geschmeidigen Umgangsformen in diesem Land sich dem Fremden vor allem in der Härte der Stimme andeutet: "Haben Sie nicht genug schlechte amerikanische Filme in Europa gesehen?" und sie fuhr fort: "Selbst den vielgepriesenen blauen Himmel Kaliforniens werden Sie in dieser Stadt vergeblich suchen. Los Angeles ist eine Industriestadt größten Ausmaßes geworden, die sich mit ihrem eigenen Dunst einnebelt. Gräßlicher Ölgeruch verpestet an manchen Tagen große Teile dieser in ihrer Ausdehnung größten Stadt der Welt – die auch die häßlichste der Welt geworden ist."

Nun war ich erst recht neugierig. Auch unter den zufälligen Reisegenossen in Flugzeugen, Eisenbahnen und Autobussen waren Filmenthusiasten sehr selten. Mike Gene, der Eierverkäufer von einer Farm in Minnesota, der mit mir auf dem trostlosen Flugplatz von St. Louis auf die verspätete Maschine in den Westen wartete, erklärte: "Früher ging meine Familie dreimal im Monat ins Kino. Ich habe seit sieben Monaten keinen Film mehr gesehen. Die wir zu sehen bekommen, sind seit dem Krieg schlechter und schlechter geworden." Als ich widersprach, fügte er hinzu: "Die wenigen guten Filme werden nur in den großen Städten gespielt. Nun haben wir uns auch Television angeschafft. Man kann zu Hause bleiben und Gäste haben, so viel man will, man spart den teuren Eintritt und für den Babysitter 50 bis 70 Cents in der Stunde. Und was einem nicht gefällt, stellt man einfach ab."

Erst im Westen, nachdem ich auf dem amerikanischen Kontinent fast die gleiche Strecke zurückgelegt hatte, wie die von Europa nach den Staaten, fand ich den ersten begeisterten Verteidiger des amerikanischen Films – er war ein boss der Filmverleiher in San Franzisko und hatte europäische Vergleiche parat: "Die nicht ins Kino gehen, sind die schärfsten Kritiker. Haben Sie gesehen, wie in der Weite unseres Landes Orte entstehen? Erst ein Industriewerk und die Arbeiter in Wohnwagen und Fertighäusern, dann ein Einkaufszentrum: der Drugstore und andere Geschäfte, Restaurants und das Kino, das manchmal sogar zuerst da ist. Im Kino sehen die Leute auch in der tiefsten Einsamkeit, wie man sich kleidet, wie man ißt, wie man sich benimmt. In vielen europäischen Dörfern laufen die Leute weniger zivilisiert herum – weil sie nicht ins Kino gehen", so wußte dieser businessman anzugeben, "wir wissen längst, daß der Film die Arbeitsfreude und die Arbeitskraft hebt. Die Leute auch in den hintersten Winkeln des Landes sehen den Eisschrank und das neue Auto in so verlockender Aufmachung auf der Leinwand, daß sie diese und noch mehr Gegenstände auch haben wollen. Mag sein", so muß er zugeben, "daß die Filmindustrie allzulange nur ihre kommerziellen Absichten im Auge hatte und auf ihren Profit bedacht war. Sie werden in Hollywood eine große Stille und vielleicht eine sanftere Haltung (softer Attitüde) antreffen, als sie bisher dort zu finden war. Hollywood machte früher 500 Filme im Jahr und in letzter Zeit nur 200, darum sehen Sie überall im Land so viel Reprisen. Man ist heute vielleicht geneigter, mit Lehrern und Erziehern zusammenzuarbeiten, damit sie ihre harte Fehde gegen den Hollywoodfilm aufgeben – Aufklärung und Warnung der Jugend, wie sie es nennen."

Im graugoldenen Dunst der riesigen Stadt Los Angeles, der tatsächlich die Sonne verschleiert, stellt sich überraschend heraus, daß Hollywood heute eigentlich nur noch eine Einbildung ist: geographisch ist es von der übrigen Stadt nicht mehr zu unterscheiden, die meisten Filmateliers liegen woanders, und die Filmstars, die vorwärtsstreben, wohnen nicht dort, kaum noch in Beverly Hills, sondern, wenn sie es bezahlen können, weiter draußen in Bei Air, dem von einer Hecke umsäumten Ghetto der Reichen, oder in den Canyons der nahen Bergzüge. Der Hollywood-Boulevard ist nur noch eine der üblichen großen Geschäftsstraßen im Architekturchaos der im Autozeitalter schnell und weitläufig aufgeschossenen amerikanischen Städte: Es gibt ein paar Kinos mehr als anderswo, die schon um zehn Uhr öffnen, aber mit ihren herausfordernden Glamour- und Sexanpreisungen auch nicht viel lauter schreien können, als es anderswo in der Welt inzwischen ebenfalls üblich ist. Höchstens die haushohe Reklame "Buy Kingsize Beds", die größten Betten der Welt also, verblüfft den Fremden, der sich immer noch nicht an die Superlative dieses Landes gewöhnt hat. In rührendem Mißklang versuchen sich in dieser Umgebung die eben um die Laternenpfähle gepflanzten giftigbunten Weihnachtsbäume aus Pappe mit säuberlich aufgemalten Tannenzweigen und Weihnachtsglocken bemerkbar zu machen – haushoch überragt von den bis zum fünften und sechsten Stockwerk aufstrebenden Palmen.

Greta Garbo menschenscheu