Naromoru-Kenya, Anfang Dezember

Buganda ist ein schwarzes Königreich im Herzen von Uganda. Der König, Kabaka genannt, ist ein junger Mann von 29 Jahren, der in Cambridge erzogen wurde. Es spricht akzentfrei englisch, hat die Manieren eines Mannes von Welt, verfügt über große Geldmittel, deren Herkunft nicht bekannt ist, und regierte bis vor kurzem über ein Gebiet von einer Million Einwohnern. Bisher schienen die Beziehungen des jungen Kabaka zur englischen Protektoratsregierung ungetrübt. Die ersten bedenklichen Anzeichen allerdings traten schon bei der Krönung in London zutage, als der Kabaka nicht in einer Staatskalesche fuhr und nicht im selben Maße geehrt wurde wie der Sultan von Zansibar oder die Königin von Tonga. Die Einwohner von Buganda, die Bagandas, empfanden das gleich als Kränkung, Inzwischen hat nun der Gouverneur von Uganda, Sir Andrew Cohen, am 30. November den König abgesetzt und ihn per Flugzeug nach England gesandt.

Im Juni dieses Jahres hatte der Minister für die Kolonien, Oliver Littleton, in irgendeinem Londoner Klub nach Tisch eine Rede gehalten. Er hatte gesagt, man halte es nicht für ausgeschlossen, daß eines Tages eine große ostafrikanische Föderation, die über die Vereinigung von Nord-Rhodesien, Süd-Rhodesien und Nyassaland hinausgehen, zustande kommen werde. Niemand in England nahm damals von dieser Äußerung Notiz. Nur der in Nairobi erscheinende East African Standard brachte sie unter der sensationellen Überschrift: "Großes neues Dominium vorausgesehen." So entstand in Afrika das Gerücht, London beabsichtige Kenya, Tanganjika und Uganda – mit Einschluß Bugandas – zu einem Dominium zu vereinigen. Der Kabaka verlangte vom Gouverneur eine klare Garantie, daß sein Königreich niemals einem ostafrikanischen Dominium einverleibt werden würde. Sir Andrew aber lehnte es im Auftrag von London ab, eine Garantie für alle Zukunft zu geben. Auch die beiden anderen Forderungen, die der König und das Parlament von Buganda gestellt hatten, nämlich ihr Land aus der Zuständigkeit des Kolonialministeriums herauszunehmen und esdem Außenministerium zu unterstellen sowie ferner, ihm zu einem bestimmten Zeitpunkt vollständige staatliche Unabhängigkeit zuzusagen, wurden vom Kolonialminister abgelehnt. Als der König nach drei Tagen Bedenkzeit noch immer auf seinen Forderungen bestand, setzte ihn der Gouverneur ab, weil er vertragliche Verpflichtungen verletzt habe.

Buganda hat in den letzten Jahren sehr an wirtschaftlichen Bedeutung zugenommen. Das gewaltige Elektro-Wasserwerk der Owen-Fälle, das im Mai von Königin Elizabeth II. eröffnet werden soll, liegt im Hoheitsbezirk des schwarzen Königreiches. Desgleichen die Kupferminen in Kilembe und die Eisenbahn, die über Mityana weiter nach Westen vorgetrieben wird, um die Verbindung zum Belgischen Kongo herzustellen. Im Zuge der Erschließung des Landes haben sich zahlreiche Europäer und Inder in Buganda eingefunden. Die indische Bevölkerung Ugandas beträgt über 40 000 und wächst ständig. Die Bagandas, die sich immer als ein schwarzer Staat betrachteten, für den es keine eigentliche Gefahr weißer Überfremdung gab, fürchten jetzt diese Überfremdung durch Europäer und Inder. Kein Zweifel, daß auch die Ereignisse in Kenya die Furcht der Bagandas sowie die Sorgen der Regierung in Uganda erhöht haben. Alle latenten Spannungen zwischen Schwarz und Weiß in den Nachbargebieten kommen an die Oberfläche und zum Ausbruch, je länger der ungewisse Zustand hier in Kenya anhält.

Die Heftigkeit der englischen Reaktion ist ungewöhnlich und ein Zeichen, wie sehr man befürchtet, es könnten neue Unruheherde in Afrika entstehen. Ob aber die Absetzung des Kabaka die richtige Lösung darstellt? Gewiß, der junge König ist nicht populär. Zu groß ist die Kluft zwischen seiner englischen Erziehung und dem Kulturniveau seiner Umgebung. Aber ein schwarzer König, der von einer weißen Macht abgesetzt wird, kann über Nacht zum Märtyrer und Liebling des Volkes werden. Auch der Rechtsstandpunkt, den der Gouverneur einnimmt, ist nicht recht verständlich. Er beruft sich auf den Vertrag von 1900, demzufolge Buganda dem Gouverneur in Kampala untersteht. Aber Buganda ist nun einmal keine Kronkolonie, sondern ein Protektorat.

Der Zeitpunkt, zu dem die Uganda-Krise ausbricht, ist besonders unglücklich. In beiden Nachbargebieten – sowohl in Kenya wie in Tanganjika – sind nämlich soeben zwei Gerichtsverhandlungen zu Ende gegangen, die sehr unschöne Hintergründe haben. In Kenya der Mordprozeß gegen Captain Griffiths – in Tanganjika der Prozeß Hayward. Mr. Hayward ist ein blutjunger Beamter, der von der Kenya-Regierung der Tanganjika-Regierung "ausgeliehen" wurde, um mit seinem Stab loyaler Kikuyus die in Tanganjika ansässigen Kikuyus zu "sieben". Bei dieser Arbeit haben Hayward und seine Leute zweifellos schwere Brutalitäten begangen. Mr. Hayward wurde in Tanganjika vor Gericht gestellt und zu 100 Pfund Geldstrafe sowie drei Monate Gefängnis verurteilt. Die Geldstrafe wurde sogleich von der Kenya-Regierung bezahlt – und dabei erklärt, daß die Gefängnisstrafe Mr. Hayward in seiner Karriere nicht hinderlich sein werde. Captain Griffiths schließlich ist in Kenya freigesprochen worden, obwohl er zwei Kikuyus von hinten erschoß, deren Pässe er zuvor geprüft und in Ordnung befunden hatte.

In den Kreisen der hiesigen Farmer wird mit verschwindenden Ausnahmen das Verhalten Griffiths und des Gerichts auf das schärfste kritisiert, abgelehnt und mit offenem Entsetzen aufgenommen. Man ist sich klar darüber, daß das Ansehen der Weißen schwer geschädigt worden ist. Der Fall Hayward liegt anders. Hier kritisiert man, daß die Tanganjika-Regierung von den Informationen des Mr. Hayward gerne Gebrauch machte, obwohl sie ihn wegen seiner Methoden unter Anklage stellte. Man befürchtet, die Mau-Mau-Bewegung könnte auf Tanganjika übergreifen, und darum ist man geneigt, zu denken, daß der Zweck die Mittel heilige.