Seit der Psychoanalyse ist eine Flut von Erkenntnissen über die Verwundbarkeit der kindlichen Seele auf uns eingedrungen: wir wissen jetzt, daß scheinbar geringe Erlebnisse im frühesten Alter dem Kind zum Fluch oder Segen für das ganze Leben werden können. Ja, einige Psychologen behaupten sogar, die Empfindsamkeit der kindlichen Seele sei so groß, daß es anomal wäre, käme sie ohne irgendwelche Verwundungen über Kindheit und Jugend hinweg.

Mag sein, daß dies übertrieben ist. Sicher aber ist, daß Empfänglichkeit und Empfindlichkeit bei den meisten Menschen niemals wieder so groß werden wie in der Kindheit. Sicher ist deshalb auch, daß alles, was die Kinder und die Jugendlichen in diesen schwierigen Jahren lesen, doppelt soviel Eindruck macht als die Bücher, die sie als Erwachsene kennenlernen. Von den Büchern der Jugend hängt das Bildungserlebnis und damit ein guter Teil des geistigen Horizonts ab, den die jungen Leute später als Erwachsene überhaupt erreichen.

So gesehen, werden besonders wichtig die Jahrbücher für die Jugend, stecken sie doch sozusagen diesen geistigen Horizont durch ihren Inhalt ab. Was in ihnen gut und sorgfältig behandelt wird, mag das ganze spätere Leben des Jugendlichen beeinflussen. Was in ihnen fehlt, wird ihm vielleicht immer fehlen.

Im 70. Band erscheint jetzt das neue universum (Union Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart), ein Jahrbuch des Wissens und des Fortschritts. Während diese Zeilen geschrieben werden, ist das Buch in den meisten deutschen Buchhandlungen schon vergriffen. Das ist erstaunlich, denn es wird bei seiner Themenauswahl durchaus nicht den Ansprüchen gerecht, die man an ein modernes Jahrbuch für Jungens stellen müßte. Schon der Untertitel "Jahrbuch des Wissens und des Fortschritts" macht stutzig. Wie denn? Lebt man in diesem Buch etwa immer noch im Pseudogeist eines vermeintlichen "Fortschritts", von dem wir seit langem wissen, daß er eine überholte Kategorie des 19. Jahrhunderts ist? Ja, man lebt darin: einseitig wird dem Jungen (in oft glänzenden Aufsätzen) fast ausschließlich die Technik nahegebracht. Zwar finden sich auch Erzählungen in dem Band, doch könnte man sie "geographische" Erzählungen nennen. Was man jedoch in dem fast 500 Seiten starken Buch vergeblich sucht, ist ein geisteswissenschaftliches Thema: weder Theater, noch Philosophie, noch Literatur, noch Kunst, noch Musik sind darin erwähnt. Interessiert das Jungens alles nicht? Selbstverständlich müssen in einem Jahrbuch für Jungens technische Probleme erörtert werden, doch dürfen sie nicht zu einem so einseitigen Weltbild verführen, wie es das "neue universum" tut.

Dasselbe gilt in etwa für das im gleichen Verlage erschienene Jahrbuch für Jungens Der gute Kamerad. Freilich sind hier wenigstens die Reisebeschreibungen etwas reichhaltiger, freilich sind die naturwissenschaftlichen Themen etwas allgemeiner und deshalb umgreifender gehalten. Doch fehlt auch hier jeder geisteswissenschaftliche Bezug. Und in dem Band Durch die weite Welt (Franckh’sche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart) erweitern Aufsätze über Jugendkriminalität, Sport und Tiere wenigstens etwas das enge Bild.

Bei den jungen Mädchen ist die Union Deutsche Verlagsgesellschaft offenbar modernerer Meinung. Das im 58. Jahrgang erscheinende Jahrbuch für Mädchen Meine Welt jedenfalls zeichnet sich durch eine schöne Vielseitigkeit der Themenwahl aus. Gleich zu Beginn hat Kyra Stromberg einen Aufsatz über "Die Freiheit der jungen Mädchen" geschrieben, und auch im Innern des Buches finden sich so interessante Themen wie "Jazz, Ursprung und Entwicklung" oder "Ist jede Spanierin eine Carmen" oder "Die Hauptrolle spielt der Regisseur. Wie ein Film entsteht". Bei diesen gut geschriebenen Aufsätzen drängt sich die Frage geradezu auf: glaubt die im gleichen Verlagshaus sitzende Redaktion des Jungens-Jahrbuchs "das neue universum" tatsächlich nicht, daß diese ebengenannten Aufsätze auch ihre Leser interessiert hätten?

Dem wesentlich dünneren Band Männer, Fahrten, Abenteuer– Das Jahrbuch für richtige Jungen aus dem Wilhelm Andermann Verlag (München-Wien) sind diese Vorwürfe nicht zu machen. Nicht etwa, weil der Herausgeber die vorhin vermißten Themen aufgenommen hätte, sondern weil er in seiner ganzen Zielsetzung bescheidener ist. Er will nichts anderes, als dem Jungen eine bunte Aufsatzfolge von Abenteuern und Reisen in allen Ländern unserer Erde vorstellen. So bekommt das Buch ein einheitliches, aber nicht umfassendes Gesicht. Die einzelnen Beiträge sind sauber, spannend und in jenem klaren Deutsch geschrieben, das für junge Leser wichtig ist.