Die politische Memoirenliteratur ist um ein Buch bereichert worden, dessen Charakterzüge Oberflächlichkeit, Selbsttäuschung, Selbstverteidigung, Irreführung oder Ablenkung der Leser sind: "Das Spiel um Deutschland" von Fritz Hesse. (Paul List Verlag, München.) So täte man also am besten, auch dieses Buch einfach in den Schrank zu packen, und nicht weiter darüber zu reden.

Aber es gibt doch gewichtige Gründe, es in den Brennpunkt des Gespräches zu stellen. Da sind zunächst die Beurteilungen, die dieses merkwürdige Buch bislang in der Öffentlichkeit fand. Auf der einen Seite rühmende Kritiken von durchaus nicht urteilslosen oder etwa schlecht informierten Persönlichkeiten; daneben vernichtende Abfertigungen von Seiten einiger Kollegen, die mit Hesse in entscheidenden Stunden am selben Platze arbeiteten und ihn nun historischer Unrichtigkeiten zeihen.

Der Journalist Fritz Hesse also, einst der Leiter des Londoner Büros des Deutschen Nachrichtenbüros und Pressebeirat der Deutschen Botschaft dortselbst, hat seine Erinnerungen niedergeschrieben. Daß er sich bei vielen seiner Darstellungen auf Männer als Zeugen beruft, die inzwischen gestorben sind, nimmt nicht wunder; das pflegen viele Autoren von Erinnerungen in diesen Zeiten zu tun. Erstaunlich aber ist dies: Von Hesse erfahren wir zum erstenmal, daß es neben den beiden bisher einwandfrei identifizierten und bekannten Widerstandsgruppen, die um den 20. Juli 1944 kreisen, noch eine dritte gegeben haben soll, die der Schreiber des Buches die "Generalstabsgruppe" nennt: "Im Kreise der eigentlich maßgebenden Militärs, d. h. des aktiven Generalstabes und der kommandierenden Generalfeldmarschälle, Generalobersten und Generale, war inzwischen ebenfalls eine entscheidende Wandlung eingetreten, die eine völlige Änderung der bisherigen psychologischen Einstellung mit sich brachte... Die Niederlage von Stalingrad, die so viele (– wohl richtiger: ‚alle’), miterlebt hatten, hatte auch der höheren militärischen Führung den endgültigen und klaren Beweis erbracht, daß die Armeen unter Hitler ins Verderben marschieren würden; ja, dies hatte zugleich für die Generalstäbler der Erkenntnis zum Durchbruch verhelfen, daß Hitler beseitigt werden müsse, um von Deutschland zu retten, was noch zu retten war. Die Niederlage war durch Hitlers Schuld bereits da. Es war sozusagen nur noch der Gnadenstoß des Gegners mit der Landung zu erwarten."

Und nun bringt der Verfasser auf vielen Seiten seines Buches alle nur möglichen Behauptungen, Kombinationen, Versionen von einem Plan "Tauroggen", der nur deshalb nicht zur Auslösung kam, weil die "Walküre"-Parole des Grafen Claus Schenck v. Stauffenberg zuvor ausgegeben wurde. Hesse nennt dies die "große Verschwörung" und hält es für falsch, wenn mit diesem "großen Plan", den er im einzelnen ausführt, Goerdeler, Hassell, Popitz, der Kreisauer Kreis und andere in Verbindung gebracht werden. Damit hat er natürlich vollkommen recht, denn Hesses "großen Plan", bei dem seine (angeblichen) Inspiratoren an "politische Hintergründe selbstverständlich nicht dachten" (aber: wie kann man eine Verschwörung gegen einen verbrecherischen Diktator überhaupt ohne politische Hintergründe planen?), kannte – außer dem Verfasser – wahrscheinlich überhaupt kein Mensch. Jedenfalls keiner, der für das Ganze von Wichtigkeit war.

Daß in den Kreisen des Generalstabes auch Unzufriedene und entschiedene Gegner Hitlers waren, wird niemand bestreiten. Daß Generale und Generalstäbler als echte Rebellen gegen Hitler auftraten und am Galgen endeten – eben im Zusammenhange mit dem 20. Juli – ist eine Tatsache, an der nicht zu rütteln ist. Doch eine geschlossene Generalstabsgruppe?

Wozu, fragt man sich, hat also der Verfasser uns das "Tauroggen"-Geheimnis, an das wir nicht glauben, verraten? Aus Gründen der eigenen Legitimierung? Wenn der Verlag in seiner Ankündigung und Einführung des Werkes sagt, Hesses Buch sei das erste politische Memoirenwerk seit 1947, das keine Selbstverteidigung darstellt, so möchten wir uns hierüber nicht streiten. Man kann durchaus anderer Ansicht sein, ohne damit dem Verleger oder dem Verfasser etwa Unrecht zu tun, wir möchten aber eindeutig das klarstellen: auch dieses Buch ist der Bericht eines Mannes, der sehr gern – trotz mancher persönlicher Widerwärtigkeiten und Sticheleien von Seiten ihm nicht wohlgesinnter Männer der NS-Hierarchie – tüchtig mitgemacht hat, bis zu dem Zeitpunkt, da selbst ein Blinder sehen mußte, daß der Wagen in den Abgrund rollte. Auf Seite 378 (!) seines 444 Seiten starken Buches bekennt der Autor endlich: "In diesem Moment war es mir eindeutig klar geworden, daß dieses Regime Niederlage und Verachtung hundertfältig verdient hatte, und daß ich jedenfalls mit ihm nichts mehr zu tun haben wollte." Diese sehr, sehr späte Erkenntnis hinderte ihn allerdings nicht, trotz allem weiter mitzumachen.

Dennoch: Nullus est liber tam malus, ut non aliqua parte prosit. Denn Hesse hat so viele überraschende, geradezu aufsehenerregende Neuigkeiten ausgeplaudert, daß man ihnen forschend nachgehen sollte. Aus Schreibe und Gegenschreibe müßte sich dann wohl ein klares und wahrheitsgetreues Bild ergeben. Dann wird auch dieses Buch "nicht so schlecht sein, daß es nicht in irgendeiner Beziehung nütze". Die wahren Hintergründe der großen Menschheitskatastrophe aber, die wir miterleben mußten, wird man nur kennenlernen, wenn alle Archive der Weltmächte einmal ihre Geheimnisse preisgeben werden – und vielleicht auch dann noch nicht einmal. P. K.