Von Marion Gräfin Dönhoff

Gespenstisch ist dieser Film "Fünf Minuten nach zwölf", der das Geschehen der letzten Jahrzehnte – das Leben (und Sterben) einer Generation – in knapp eineinhalb Stunden zusammengepreßt, noch einmal vor uns abrollen läßt Kein Roman, keine Story, sondern aneinander gefügte Filmstreifen von Wochenschauen, PK-Berichten und Amateuraufnahmen aus Hitlers engster Umgebung.

Anders als Tagebuchaufzeichnungen, die ja Begeisterung, Kritik oder Abscheu des Autors widerspiegeln würden und damit auch in späteren Zeiten noch den Hauch des Persönlichen tragen, anders auch als ein nachträglich gedrehter Film, in dem jeder seine Rolle zugewiesen bekommt, hat hier die mechanisch registrierende Kamera einen Geschichtsverlauf aufgenommen, der in irgendeiner Form für unser aller Leben entscheidend war. Jahrelang haben diese Bilder, die sich in unserer Erinnerung längst verändert haben, wie in einer Konservenbüchse eingekapselt geruht und wirken nun, da man sie wieder hervorholt, wie ein Geisterspuk.

Illusionen sind zerronnen, vermeintliche Heroen entlarvt, die Verlogenheiten einer routinierten Phraseologie aufgedeckt, Ernüchterung ist an die Stelle krankhafter Ekstase getreten, aber hier, auf diesem Filmstreifen, da sieht man, sieht sich das deutsche Volk noch einmal mit dem exaltierten Ausdruck jener damaligen Gegenwart und ohne das Wissen um alles, was jeweils "dann" kam. Das ist das Gespenstische, das Peinliche, das kaum zu Ertragende an diesem Film.

Es beginnt mit einer kurzen Rückblendung auf das sorglose, kaiserliche Berlin, seine glänzenden Empfänge, die Garderegimenter mit schimmernder Wehr und wehenden Helmbüschen. Pariser Platz und Brandenburger Tor sind die Bühne, auf der dann Friedrich Ebert erscheint. Und noch einmal werden zehn Jahre übersprungen, und dann ist man mitten drin in der Vorgeschichte: Arbeitslosigkeit, Armut, Ratlosigkeit, Enttäuschung. Und hier und da die ersten Redner, die an diese Armee der Ausgestoßenen, Erniedrigten und Beleidigten appellieren, von Verdienst, Sicherheit, Glanz und Wohlstand sprechen. Man sieht Goebbels, Streicher, Hitler, in altmodisch erscheinender Aufmachung – die Bilder wirken wie schlechte Amateuraufnahmen. Saalschlachten toben, und in den Straßen der Städte wird geschossen. Und immer mehr Arbeitslose gibt es und immer verbissenere Gesichter.

Papen ... Hindenburg ... Hitler wird Reichskanzler. Und dann kommt plötzlich Bewegung in diese trostlose Ausweglosigkeit: der Arbeitsdienst marschiert, Schiffe laufen vom Stapel, Straßen werden gebaut, alle Fabrikschornsteine rauchen wieder. Und überall Fahnen, blitzende Augen, Gleichschritt und Jubel, wenn der sich zeigt, der all dies zustandebrachte. Er aber versteht Freude, Erleichterung und Bewunderung zur Ekstase zu steigern, die erst alle Besinnung, dann alles Menschliche auslöscht und schließlich ein ganzes Volk ausziehen läßt, zu allem bereit. Erschreckend sind die Gesichter, in die man schaut bei den Aufmärschen und in den Fabriken, wie bei magischen Kulthandlungen afrikanischer Stämme, so verzerrt sind sie in krankhafter Verzückung.

Dann wechselt die Szenerie, und man sieht Hitler auf der selbst erdachten und für jeden Besucher wieder neu gestellten Bühne des Berghofes. Eva Braun im Dirndlkleid, Eva Braun auf dem Sprungbrett des swimming pool, als blondgelockte Nixe unter einem Wasserfall, am Sandkasten mit Kindern spielend. Der nie fehlende Schäferhund tritt auf. Auch er nicht unbefangen und ungestüm, schleicht beklommen heran, offenbar seiner Rolle ganz bewußt, duckt er sich und wird gestreichelt.