Genf im Dezember. Mit elf Prüfungen an sieben Tagen des Genfer Concours Hippique wurden an Reiter und Pferde von neun Nationen härteste Anforderungen gestellt und zugleich einem begeisterten Publikum im Palais des Expositions edelster Sport geboten. Und dieses Publikum! Echt genferisch mit vielen Männern, die das béret basque trugen, mit schönen Frauen im sehr französischen schwarzen Tuchkleid und Pelz. Einige Damen hatten sich, allzu begeistert, als Pferde verkleidet, jedenfalls trugen sie zur Pferdeschweiffrisur noch riesige Ohrringe wie Scheuklappen. Besonders herzlich begrüßt wurde Prinz Bernhard von den Niederlanden, der ruhig rauchend seinen Pferden zusah, die von einem holländischen Marineleutnant geritten wurden.

Als Sensation empfand das Publikum die starke deutsche Equipe, die erste, die nach dem Kriege an einem Genfer Concours Hippique teilnahm. Man erinnerte sich der großen Erfolge, die die Deutschen 1938 in Genf errungen hatten; man wußte von den Leistungen, die der Nachwuchs im Jahre 1953 bereits erreichte, und man wußte, daß man in 1953 die gleiche Equipe vor sich hatte, die in diesem Jahre in Rotterdam so manchen Sieg errungen hatte. Der Prix du Salève gab Reitern und Pferden nunmehr Gelegenheit, sich mit der Piste und elf Hindernissen vertraut zu machen, besonders mit dem Tombeau (Grab), einem typischen Jagdritthindernis mit Sandsäcken. Da es zunächst um die Schnelligkeit ging, zeigten die Franzosen überlegene Leistungen, nur noch übertroffen von dem spanischen Kapitän Pedro D. Manjon, der mit "Vitamen" den ersten Preis errang. Nach dem Franzosen du Breuil auf "Tourbillon" wurde Hans Günter Winkler auf "Halla" dritter, und Alfons Lütke-Westhues besetzte mit "Togo" den vierten, Fräulein Köhler auf "Armalva" den fünften Platz und Frl. Merten auf "Fregola" nach Herrn Calmon auf "Virtuoso" den siebenten. Die beiden deutschen Amazonen, schlanke Gestalten im klassischen Dreß, wurden für ihr Können und ihren eleganten Stil bejubelt, wie ja überhaupt auf diesem Concours das "schwache" Geschlecht mehrmals die Ehre der Equipe rettete.

Bei dem mit Spannung erwarteten Prix Longines, für den man eine interessante Neuerung eingeführt hatte: jedes der 14 Hindernisse durfte nur einmal genommen werden, aber mit Ausnahme des ersten und letzten Hindernisses konnten die Reiter nach eigenem Belieben ihren Weg wählen, gab es viele Ausschreitungen von Reitern und Pferden. Eine französische Amazone stürzte in das "Flüßchen", und "Aar" mit Fritz Thiedemann wollte nicht über das "Grab". Wieder zeigten sich die Franzosen besonders schnell. Das Verblüffendste aber leistete eine Dame, Madame Natalie Perronne, die elegante Italienerin, die alle Hindernisse kurz nahm und ohne Strafpunkte ihren parcours ritt und den ersten Preis errang. Mehr Glück hatten die Deutschen bei dem am Abend des gleichen Tages ausgetragenen Prix Colonel Fernand Cherniere. Die Erwartung war zum zerreißen gespannt, als nach schönen Leistungen von Franzosen und Spaniern Thiedemann mit seinem prachtvollen Holsteiner "Meteor" antrat und eine erstaunliche Probe blendender Dressur gab. Sechs Hindernisse waren inzwischen um zehn Zentimeter erhöht worden, und es gelang nur drei Reitern, sie fehlerlos zu nehmen. Der Italiener Dr. Perrone errang den ersten Preis, Thiedemann mit "Meteor" den zweiten und der Schwede Nätterqvist mit "Jabal" den dritten.

Einen Tag durften Reiter und Pferde ausruhen. Dann wurde der Prix de L’Etrier ausgetragen. Drei Kavaliere hatten zugleich auf der Piste anzutreten, auf der sich zwölf oft sehr breite Hindernisse befanden. Jeder Reiter hatte nach seinem vollendeten parcours seine Peitsche dem nächsten der Equipe zu übergeben und eventuell dessen Ritt zu vollenden, falls dieser ausgeschieden wurde. Wiederum dank der Leistung von Madame Perrone führte die italienische Equipe nach der französischen vor. der deutschen. Nach einer neuen Formel wurde am gleichen Abend der Prix du Cercle Francais de Genève ausgetragen, und niemals noch hatte man ein Publikum in Genf erlebt, das so nach jedem Sieg raste und das vor Bedauern aufschrie, wenn es "du bois" gab, das heißt: wenn ein Pferd einen Barren berührte. Im Finale kämpften Deutsche gegen Franzosen. Thiedemann auf "Diamant" siegte über Lefrant auf "Bagatelle", indes Mlle Bonnaud auf "Charlestone" in herrlichem Stil über Capitän Manjon siegte. Das Publikum hielt den Atem an, als Thiedemann auf "Diamant" gegen Jonquères d’Oriola antrat und bald den Olympiachampion in erstaunlicher Ruhe und überlegen besiegte. Nun kämpfte Mlle Bonnaud gegen Thiedemann. Vielleicht berechnete "Diamant" die Hecke nicht gut –: jedenfalls fiel eine Stange, und Mlle Bonnaud siegte in sauberem Stil. Den zweiten Platz erhielt Thiedemann.

Auch der Prix de la Société de Cavalerie de Genève – um den 55 Teilnehmer à l’amèricaine ritten, das heißt: mit Ausscheidung nach dem ersten Fehler – brachte den deutschen Reitern gute Klassifizierung. Die beiden ersten Plätze wurden wiederum von französischen Reitern besetzt.

Die vielleicht interessanteste Prüfung für Reiter und Pferde, die man auf diesem Concours erleben durfte, und deren Ehrenpreis von der Republik Genf gestiftet wurde, erforderte es, daß immer höher angebrachte Hindernisse mit Barren genommen werden mußten. Und gerade diese schwierigste aller Prüfungen sollte den Deutschen größte Erfolge bringen. Die mit Ehrengästen gespickten Tribünen zeigten, daß es nunmehr um ein besonderes Ereignis ging. Schon beim Passieren der mit Barren auf 1,60 Meter erhöhten Hecke wurden vier von den 40 Teilnehmern – darunter Lütke-Westhues auf "Cäsar" – ausgeschieden. Nun wurde die Barre, die nicht berührt werden durfte, auf 1,70 Meter erhöht: – neun Reiter mußten aufgeben. Die nächste Barre von 1,80 Meter wurde dem Schweden Eliasson zum Verhängnis. So sah die dritte Barre von 1,90 Meter nur noch 20 Reiter antreten: Sechs Deutsche, ein Engländer, ein Schweizer, fünf Franzosen, zwei Italiener, zwei Spanier, ein Holländer und ein Belgier. Nun zeigten sich die deutschen Reiter "auf der Höhe". Thiedemann gelang es, mit zwei Pferden – mit "Meteor" und "Aar" – das Hindernis zu nehmen, ebenso gelang dies von Buchwaldt mit "Jaspis". Auf der Piste blieben neben ihnen nur noch der italienische Marquis de Medici mit "Litargirio" und der Franzose Lamour mit "Vézelise", als die Barre auf zwei Meter erhöht wurde. Aber "Litargirio" mochte nicht mehr, "Vézelise" refüsierte. Von Buchwaldt mit "Jaspis" machte einen Fehler, desgleichen Thiedemann mit "Aar", so blieben die beiden allein und gleich stark mit vier Strafpunkten. Um den Sieger festzustellen, sprangen sie noch einmal: Thiedemann auf "Meteor" ließ eine Barre fallen, von Buchwaldt erhielt Strafpunkte für einen Fehler und einen Ungehorsam seines Pferdes – also fiel der Sieg an Thiedemann. Von Buchwaldt besetzte den zweiten Platz. Zum ersten Male auf diesem Concours wurde die deutsche Fahne aufgezogen.

Zuletzt, da es um den Prix des Vainqueurs, den "Preis der Sieger" ging, und nur die fünf Erstprämiierten anderer Prüfungen zugelassen wurden, war jedenfalls bei den Pferden schon eine gewisse Müdigkeit spürbar. Auch die Hindernisse, nicht ganz glücklich bezüglich der Distanz angelegt und mit zu leichten Barren bestückt, brachten es mit sich, daß im ersten Teil der Zufall eine zu große Rolle spielte und viele auf der Strecke blieben. Der Sieg sollte dem Reiter gehören, der die wenigsten Strafpunkte hatte. Trotz aller Schwierigkeiten errang Deutschland mit von Buchwaldt auf "Jaspis" den zweiten Platz; nach dem spanischen Kapitän Martin auf "Briss-Briss". Schließlich erhielten noch der Olympiachampion Jonqueres d’Oriola die goldene Schärpe als bester Reiter, Madame Perrone den Preis der besten Amazone und Leutnant Stoffel den Preis des besten Schweizer Reiters.