Während anderswo das Halali der Parforcejagden die Wälder durchhallt, knallt am Bodensee die "Belchen"-Jagd. Doch zunächst muß man das "Revier" beschreiben; Kaum hat der Rhein bei Konstanz den großen See verlassen, bildet er einen neuen, den Untersee, in dem die Insel Reichenau liegt. Dichter Röhricht füllt die große Fläche beiderseits des Dammes, der zur Insel läuft; Schilf bis fünf Meter hoch: Verstecke für die Wasservögel, die in unzählbaren Völkern hier leben.

Wenn auch diese Kolonie auf 20 000 Stück geschätzt wird, so hat jene Zahl doch keine Bedeutung neben der Zahl der Vögel, deren angestammte Heimat das Ried ist. Mancherlei Entenarten, Kormorane, halbwilde Schwäne, Möwen, sogar Seeschwalben ... Aber den Plebs bilden die Bleßhühner. Das Bleßhuhn ist von Gefieder dunkel, mit einem elfenbeinweißen Schnabel, kleinem Körper, wendig, immerzu taucht es. Der Bestand am Untersee wird von den Fischern mit hundert- bis zweihunderttausend angegeben.

Dieses Bleßhuhn, am Bodensee "Belchen" genannt, beschäftigt jedes Jahr, wenn der Winter kommt, die Phantasie der Jäger und Fischer, die Herzen der Bevölkerung, die Büros der Regierungen und die Tierschutzvereine. Seit alters ist nämlich die Jagd auf "Belchen" für die Bewohner der deutschen und Schweizer Ufergemeinden frei. Auch diesmal hat sie mit einer Art von Volksfest eingesetzt, der sogenannten "Belchenschlacht". In früheren Jahren ruderten an die zweihundert Boote – 150 schweizerische, 50 deutsche – nach gemeinsamem Plan in der Frühdämmerung los. Verdeckt vom Nebel, umkesselten sie das Jagdgebiet und brachen konzentrisch los. Stets gehen die Vögel im Schreck hoch. Die Schüsse aus den hunderten Flinten, von denen viele so altmodisch sind, daß sie ins Museum gehören, fallen wie aus altmodischen Maschinengewehren. Man rechnet, wenn die Jagd glückt, hundert auf die Minute ... Die getroffenen Vögel klatschen oft, gleichsam in einem patschenden Niederregnen von dunklen Lappen, aufs Wasser. Strecken von tausend Vögeln... Die Jagd bleibt bis Ende Januar frei.

Seit Jahrzehnten kämpft die öffentliche Meinung gegen die Einrichtung. Auch in der Schweiz haben sich eigene Komitees gebildet, die zusammen mit den internationalen Tierschutzvereinen arbeiten. Die Regierungen des Kantons Thurgau und Baden-Württembergs mußten sich schließlich der Angelegenheit ernsthaft annehmen. Sie wollen durch eine Änderung einer älteren Jagd Verordnung von 1897 dem grausamen Unfug steuern, indem sie den Begriff "waidgerecht" in diese Jagd einführen, die doch gerade ihren wilden Reiz durch ihren unwaidgerechten Verlauf hat. Baden-Württemberg hat auch 1953 eine Änderung unterzeichnet. So fehlten diesmal die 50 deutschen Boote. Die Regierung des Kantons Thurgau meistert aber ihre Jäger nicht, die – von Beruf meist Fischer – grundsätzlich auf die Nutzung ihrer Rechte erpicht sind. Ursprünglich geht die Sitte wohl auf die Angst der Fischer zurück, die Belchen gefährdeten den Fischnachwuchs. Die Sachverständigen aber weisen nach, daß das Bleßhuhn sich mit pflanzlicher Kost nährt. Die Fischer sagen: "Und mit der Fischbrut, die an den Pflanzen festgehalten wird."

Die "Belchenschlacht" des Jahres 1953, die am 28. November geschlagen wurde, stand sonderbarerweise auf der Seite der Belchen. Als die Jäger gegen sieben Uhr früh den Nebel weichen sahen und sich anschickten, das Jagdgebiet einzukesseln, sahen sie auch, daß das überflüssig war. Über dem Ried war die Luft dunkel von planlos durcheinander irrenden Wasservögeln. Sie schrien wie arme Seelen, die durch Gespenster geängstigt werden, und suchten einen Weg zur Flucht. Alles stöberte durcheinander; kaum, daß man zum Schuß auf Reichen kam.

Dieses ebenso unerwartete wie unbegreifliche Verhalten der Vögel war aber nur den Fremden unverständlich: die hiesigen Gegner der Belchenschlacht hatten vor der Morgendämmerung mit Booten, knallenden Motoren und Scheinwerfern die Vogel auf die Flucht gebracht. – Als Schlachtenbummler erlebten die Vertreter von Baden-Württemberg, Bonn und vom Kanton Thurgau in einem Zollboot hinter der Front die "Belchenschlacht" mit. Da auch der Leiter des Kulturreferats beim Regierungspräsidenten unter den offiziellen Augenzeugen war, erwarteten die badischen Dichter, mit einem Preisausschreiben bedacht zu werden. Thema; "Der Sieg der Belchen 1953". Ein Epos.

Norbert Jacques