Die Geschichte von dem (reichen) unerbittlichen Gläubiger und dem (armen) schutzbedürftigen Schuldner wird in unserer Zeit mehr und mehr zu einem Märchen. Ebenso märchenhaft hört es sich an, wenn alte Kaufleute sich an eine Zeit zurückerinnern, in der das Erscheinen eines Gerichtsvollziehers genügt habe, um die Schuldsumme auf den Tisch zu legen – oder aber zur Pistole zu greifen, Unter ehrbaren Kaufleuten soll es das früher gegeben haben. Heute finden sich auch in den Geschäftsberichten großer Firmen Klagen aber die schlechter gewordene Zahlungsweise eines Teiles der Abnehmer. "Natürlich macht uns diese Entwicklung Sorge, weil sie zunehmend unsere eigenen Gelddispositionen erschwert hieß es im Geschäftsbericht der Continental Gummi-Werke. Das Handwerk beziffert seine (wachsenden) Außenstände auf mindestens 1,5 Mrd. DM. Mai spricht von rund 600 000 ungedeckten Schecks, die im Jahresdurchschnitt seit der Währungsreform bei uns auftauchten. Hinter dieser enormen Zahl muß man wohl beinahe eine halbe Million böswilliger Schuldner vermuten.

Geht man einzelnen Fällen nach, so stößt man auch unter den böswilligen Schuldnern nicht allzu häufig auf ausgemachte Betrüger, die von vornherein Leistungen in dem Gedanken beanspruchen, sie nicht zu vergüten. Die meisten entpuppen sich erst in der Zwangsfolge der Ereignisse als böswillige Schuldner. Sie unterscheiden sich dem freilich kaum mehr von der Gruppe der Betrüger, und der Schaden, den sie anrichten, ist ebenso groß.

Ein Hausbesitzer schloß mit einem künftigen Mieter einen Ausbauvertrag ab. Der gesamte Ausbau sollte 8000 DM kosten, die sich Wirt und Mieter zur Hälfte teilen wollten. Als der Anteil des Mieters verbaut war, stockten die Arbeiten, weil der Wirt seinen Baukostenanteil nicht bereit hatte, wie er anfangs hoffte. Das Resultat war ein großer Krach zwischen den Parteien und eine nicht bezugsfertige Wohnung. Und mit wachsender Bedrängnis lebte sich der Hauswirt immer mehr in seine Rolle als böswilliger Schuldner hinein ...

Ein Flüchtling hatte vor fünf Jahren eine Fabrik gegründet, sie aus kleinen Anfängen heraus mit Hilfe großer Darlehen gut ausgebaut. Mit zunehmender Wettbewerbsverschärfung stellte sich aber eine mangelnde Konkurrenzfähigkeit heraus. Es sprangen mehrere Kunden ab, so daß jetzt nicht mehr die vorhandene Kapazität ausgelastet werden kann und damit die Rentabilität weiter sinkt. Ob der Fabrikbesitzer sich als böswilliger Schuldner entwickeln wird, ist noch nicht ausgemacht. Immerhin hat er schon einen gefährlichen Weg beschritten, indem er einfach die Rechnungen seiner Lieferanten viel länger unbezahlt liegen läßt, als bisher (– und als "branchenüblich").

Bei dem Mangel an mittel- und langfristigen Krediten werden Investitionen oft kurzfristig finanziert; dabei wird als verhältnismäßig bequemster Weg der Lieferantenkredit stärker ausgenutzt. Das führt dann in böse Situationen. Hier einige Beispiele:

Ein Radio-Einzelhändler hat jetzt seinen Großhändler aufsitzen lassen und Lieferungen noch aus dem Jahre 1951 nicht bezahlt. Zuvor war die Geschäftsverbindung durchaus gut gewesen. Der Einzelhändler konnte damals über seinen Geschäftsverlauf nicht klagen. Dies verführte ihn zu Anschaffungen, die dem Geschäft zwar einen Nutzen hätten bringen können, es jedoch nicht taten; sie waren verfrüht. Der Geschäftsinhaber entpuppte sich als Prototyp des böswilligen Schuldners, jedenfalls seinem Großhändler gegenüber. Der hatte sich unglücklicherweise nicht nur mit diesem Schuldner herumzuschlagen. Obwohl ihm seine Schuldner einen Anschauungsunterricht erteilten, wie er nicht besser denkbar ist, vermochte er es nicht, auch seinen Gläubigern die kühle Schulter zu zeigen. Er gab das Rennen auf, ertrug den Verlust und verdient sich heute als Untervertreter ein bescheidenes Brot.

Ein Zeitschriften-Groß vertrieb ging in den Vergleich, weil seine uneinbringlichen Außenstände ihm über den Kopf gewachsen waren. Aus Stichproben mußte man den Totalverlust eines Teiles der Außenstände entnehmen. Die schuldenden Kioskverkäufer stellten sich in diesen Fällen als böswillige oder faule Schuldner heraus. Wie kann nun ein solcher Kioskhändler, der seine Zeitungen bar über den Tisch verkauft, nicht in der Lage sein, seinen Verpflichtungen gegenüber dem Lieferanten nachzukommen? Manche dieser böswilligen Schuldner ließen sich durch ihre Tageseinnahme, die ja nur zu einem Teil ihr Reinverdienst ist, zu unangemessenen Ausgaben verleiten.