Die Hinzuziehung des Vorsitzenden der USA-Atomenergiekommission Lewis Strauss zu den Dreierbesprechungen auf Bermuda und drohende Anspielungen des Sowjetdelegierten Wyschinski im politischen Ausschuß der UNO-Vollversammlung erinnerten daran, daß der Stand der Atomwaffenrüstung, den die einzelnen Staaten erreicht haben, einen der Hauptgründe zu den geplanten Konferenzen der Großmächte bildet. Sowohl die USA wie die Sowjetunion haben Ausgangstypen der Wasserstoffbombe bereits erprobt, so daß die Voraussetzungen zur Herstellung von Kobaltbomben vorhanden sind.

Bei der Explosion von Wasserstoffbomben werden besonders große Neutronenmengen frei. Kobalt wird bei starkem Neutronenbeschuß radioaktiv. Die Explosion einer mit einem Kobaltmantel umgebenen Wasserstoffbombe führt zur Entwicklung einer ungeheuren radioaktiven Wolke. Ihre Radioaktivität entspricht bei einem Kobaltmantel von einer Tonne Gewicht der von einigen tausend Tonnen Radium. Die Eigenschaften einer Kobaltbombe wären also: Explosionsdruck von einigen Megatonnen (eine Megatonne = Sprengkraft von einer Million Tonnen Trinitrotoluol), Initialtemperatur zwischen 150 und 250 Millionen Grad C und radioaktive Strahlung, die jedes organische Leben im Bereich der Explosion vernichtet.

Während Hitze – und Druckwirkung auf den Augenblick der Explosion beschränkt sind, bleibt die Strahlung lange Zeit erhalten. Kobalt hat eine "Halbwertzeit" von 5 Jahren. Die Halbwertzeit ist die Zeitspanne, in der sich die Strahlungsenergie eines radioaktiven Elements um die Hälfte vermindert. Die von einer Kobaltbombe erzeugte radioaktive Wolke wäre also jahrelang überall dort wirksam, wohin sie von Luftströmungen getragen wird. Von Schutzmitteln gegen eine so intensive Strahlung ist bisher nichts bekannt. Kernphysiker glauben sich darin einig, daß einige hundert Kobaltbomben ausreichen würden, um das organische Leben auf der Welt allmählich auszulöschen.

Mit diesen Fortschritten auf dem Gebiet der Atomrüstung gerät die Menschheit nach und nach in den Bereich von "absoluten Waffen", die Freund wie Feind gleichermaßen bedrohen. Die "absolute" Wirkung impliziert die Wahrscheinlichkeit, daß sie niemals angewendet werden, es sei denn, die herrschende Schicht einer Großmacht entschließe sich zu einem Verzweiflungsakt, der letzten Endes auch den eigenen Untergang bedeuten würde.

Die Faustregel, auf jede Waffe werde eine entsprechende Abwehr entwickelt, hat sich im Fall der neuartigen Atomwaffen noch nicht als gültig erwiesen. Bisher hat noch niemand überzeugend erläutern können, wie die Bevölkerung einer Großstadt wirksam gegen Hitze, Explosionsdruck und Strahlung einer Kobaltbombe geschützt werden kann. Da die Sowjets über die Wasserstoffbombe – und das heißt auch über die Kobaltbombe – zu verfügen scheinen, nähert sich die Periode ihrem Ende, in der das Atomwaffenmonopol der USA eine Friedenssicherung darstellte. Mit Atomwaffen allein wird der Kreml nicht mehr einzuschüchtern sein.

Mit dieser Entwicklung gewinnen die herkömmlichen Waffen einen wesentlichen Teil ihrer ursprünglichen Bedeutung zurück. Wasserstoff- und Kobaltbomben richten sich in erster Linie gegen Städte und Industriezentren. Verfügen beide Seiten über eine genügend große Zahl dieser Bomben, so werden sie vermutlich nicht eingesetzt werden.

Daraus ergibt sich, daß wahrscheinlich auch künftig die Zahl der Divisionen, der Kanonen und der Flugzeuge und der ferngelenkten Waffen für das militärische und politische Kräfteverhältnis der Mächte ausschlaggebend sein wird. J. Schwelin