Da nunmehr feststeht, daß die Aktien vorerst weiter die "Stiefkinder" unserer Wirtschaft bleiben werden, ist an den Börsen eine fühlbare Ernüchterung eingetreten. Mit dem Schwung der "Adenauer-Hausse", die vor der Bundestagswahl einsetzte, ist es jetzt endgültig vorbei. An ihre Stelle ist die Schäffer-Flaute" getreten; der Bundesfinanzminister hat sich wieder einmal erfolgreich gegen alle Kapitalmarktreformpläne behaupten können. Geblieben ist lediglich die Aussicht auf eine nochmalige Senkung der Körperschaftssteuer, und zwar von 30 auf 20 v. H., die vielleicht am 1. April 1954 wirksam werden wird. Alles übrige soll in die "Große Steuerreform" eingebaut werden, womit die Kapitalmarktreform um über ein Jahr hinausgeschoben ist.

Unter diesen Umständen war die Börse gezwungen, sich den nächstliegenden Dingen zu widmen, und sie hat sich den dividendentragenden Papieren zugewandt. Jetzt, am Jahresende, können die Gesellschaften ungefähr übersehen, wie es im Geschäftsjahr 1953 um die Rentabilität bestellt war. Dort, wo Dividendenerhöhungen zu erwarten sind, beginnen sich die Eingeweihten bereits einzudecken. Man rechnet in Einzelfällen mit Dividenden bis zu 10 und 11 v. H. Diese Sätze können mit den festverzinslichen DM-Papieren gut konkurrieren, auch wenn die Kapitalertragsteuer noch abzuziehen ist. Bei den Großbanken rechnet man mit einer Dividende von 8 v. H. Eine ähnliche Rendite erhofft man sich neuerdings von den meisten Nachfolgegesellschaften der IG-Farben. Beide Gruppen haben in letzter Zeit entgegen der schwachen Allgemeintendenz Gewinne erzielen können. Dagegen mußten Reichsbank-Anteile infolge ihrer ungeklärten Umstellung bzw. Abfindung um einige Punkte zurückstecken.

Durch die scharfe Wendung zum Rendite-Denken wurden die Montane in eine unangenehme Situation gebracht, weil man hier mit Dividendenprognosen wegen der rückläufigen Stahlaufträge und der wachsenden Kohlenhalden recht zurückhaltend geworden ist. Ob zu Recht oder zu Unrecht, wird sich herausstellen. Wahrscheinlich wird man Nachfolgegesellschaft für Nachfolgegesellschaft auf Dividendenmöglichkeiten hin ansehen müssen. Solange man es nur mit wenigen Großunternehmen zu tun hatte, war die Übersicht einfacher. Bemerkenswert ist jedoch, daß trotz aufkommender Liquiditätsanspannung gerade eine Reihe von Bergbauwerten, deren Kurse in letzter Zeit stärker litten als die der Stahl gesellschaften, dividendenfreudig gestimmt ist: Concordia Bergbau, Bergbau AG Lothringen, Gelsenkirchen Bergwerk, Königsborn-Werne.

Das Ausland ist bei den Montanen zur Zeit auf Gewinnsicherung bedacht. Schweizer Finanzkreise empfehlen ihrer Kundschaft, die Kursgewinne zu realisieren und den Erlös in mit 8 v. H. zu verzinsenden deutschen Industrieobligationen anzulegen (oder 7 1/2 v. H. Pfandbriefe), die sich für den Ausländer nach Rückerstattung des Abzuges der 30 v. H. Kapitalertragsteuer mit etwa 9 v. H. rentieren. Im übrigen hat man allerdings den Eindruck, daß das Ausland die Fragen, die als Folge der Montanentflechtungen aufgetaucht sind und die den Markt so kompliziert gestalten, nicht unbedingt zutreffend beurteilt? denn inzwischen ist selbst bei nüchterner Überlegung manches Papier unter den Eisen- und Stahlwerten wieder recht preiswert geworden.

Angenehm überrascht war die Börse von der 1 : 1,45-Umstellung bei Eisen und Hütten (man rechnete nur mit 1:1,4). Zum ersten Male amtlich notiert wurden die beiden Nachfolger der Ilseder Hütte: Industrie- und Handels-Namensaktien mit 125 1/2 v. H. und Ilseder Hütte Namensaktien mit 113 3/4 v. H. Das entspricht einem Kurs für die alten Aktien von 189 1/2 v. H. Die Aktien der Ver. Stahlwerke wurden erstmalig ohne den Ratenschein Nr. 1 gehandelt, auf dem es für je 1000 RM Kapital der Gesellschaft 120 DM Rheinstahl-Union-Aktien gibt, die an der Börse mit 120 v. H. gehandelt werden. Infolgedessen gab es bei den Stahlvereins-Aktien einen Abschlag von 15 v. H.

Unter Kursdruck standen RWE und HEW‚ die beide einige Punkte Verlust buchen. Ebenfalls rückläufig war Accu Hagen, wo die ursprünglich einberufene oHV (17. Dezember) auf Anfang nächsten Jahres verschoben werden mußte. – Die restlichen Märkte waren im allgemeinen gut behauptet. Gewinne erzielten Maschinen-Werte, Chemie-Faser und Metallgesellschaft.

Der Rentenmarkt wurde zum Wochenschluß mit dem Angebot der Harpener Bergbau AG überrascht, die 4 1/2 v. H. Teilschuldverschreibungen von 1935 mit Zusatzverzinsung (Harpener Bonds) im Verhältnis 1:1,5 in 6 1/2 v. H. DM-Obligationen umzutauschen. Diese Obligationen sollen ab 1. Juli 1953 mit 6 1/2 v. H. verzinst und nach fünf Freijahren in 15 gleichen Jahresraten zu pari zurückgezahlt werden. Bis zum 30. Juni 1953 werden 4,50 DM p. a. je 1000 RM nominal an Zinsen gezahlt. Der Kurs für die Harpener Bonds stieg nach Bekanntwerden des Angebots von 132 auf 134 1/2 v. H. Da die Schutz Vereinigung ihren Mitgliedern die Annahme dieses Vorschlages ausdrücklich empfiehlt, besteht Aussicht, daß dieser leidige Streitfall, der bereits seit längerer Zeit die Gerichte beschäftigt, auf dem Vergleichswege aus der Welt geschafft wird. Da die Harpener Bergbau AG Rückstellungen für die früher angebotene 1:1-Umstellung gemacht hat und der restliche Teil von 0,5 v. H. durch Auflösung von Prozeßrückstellungen verrechnet werden kann, ergibt sich für den Aktionär keine grundsätzliche Änderung der Bilanz.

In Reichsschatzanweisungen kamen zum Teil erhebliche Beträge auf den Markt, die den Kurs zeitweise auf 4 v. H. herunterdrückten. Da man in Bonn bislang immer nur gesagt hat, wie man sich die Regelung der Reichsschulden nicht denkt, herrscht bei den Inhabern der alten Stücke beträchtliche Unruhe. Nach dem Londoner Schuldenabkommen müßte bis zum 31. Dezember auch für die Inlandgläubiger ein Abfindungsmodus getroffen sein. Hält Bonn diesen Zeitpunkt nicht inne, sind die Auslandgläubiger nicht mehr gebunden und können eine separate Abfindung verlangen. Da die Frist bis zum Jahresschluß für eine gesetzliche Regelung nur sehr kurz ist, spricht man bereits von einer Hinausschiebung des Termins auf den 31. März 1954. -ndt