Der Charakter der Bermuda-Konferenz hat sich durch den Moskauer Vorschlag, im Januar Viermächte-Besprechungen über Deutschland abzuhalten, zwangsläufig völlig gewandelt. Ursprünglich war eine allgemeine Überprüfung der westlichen Politik vorgesehen, wobei die Frage der Aufrüstung Deutschlands innerhalb einer europäischen Gemeinschaft eine besondere Rolle spielen sollte. Nunmehr hat sich der Akzent verschoben: man versuchte in erster Linie eine einheitliche Front für die kommenden Verhandlungen mit den Sowjetrussen zu bilden. Und abermals störte Frankreich diese Intentionen. Im Haag hatten kürzlich die sechs Außenminister der Montan-Union-Länder feststellen müssen, daß nach vier Jahre währenden Gesprächen eigentlich die Mehrheit von ihnen Europa nicht mehr will, soweit damit die Aufgabe souveräner Rechte verbunden ist. Der Anstoß hierzu ging von Paris aus. Ähnliche Erfahrungen haben, soweit es die Verteidigung des Westens angeht, die USA in Bermuda machen müssen. Die Franzosen kamen mit Forderungen, aber anbieten wollten sie nichts.

Sie forderten die Saar, die sie sich, ohne das Einverständnis ihrer westlichen Alliierten einzuholen, längst angeeignet haben. Die Saar soll der Preis sein für eine Ratifizierung der EVG-Verträge, aber weder Laniel noch Bidault noch irgendein anderer französischer Politiker kann garantieren, daß die Ratifizierung auch wirklich erfolgen wird, wenn der Preis, was wir nicht hoffen, jemals gezahlt werden sollte. Und außerdem hat ja bei einem deutschen Friedensvertrag ein vierter mitzureden: Sowjetrußland. Bidault wird sich daran erinnern, daß er auf der Moskauer Konferenz von 1947, als er immer wieder die Abtretung der Saar verlangte, schließlich von Molotow überhaupt keine Antwort mehr erhielt. Es war die gleiche Konferenz, auf der der französische Außenminister dagegen protestierte, eine deutsche Einheit herzustellen, bevor nicht die Wünsche Frankreichs erfüllt seien.

Daß Eisenhower über diesen, sich immer wieder manifestierenden französischen Widerstand sehr ungehalten ist, läßt sich begreifen. Er hatte im Wahlkampf versprochen, daß die boys bald nach Hause kommen werden, Frankreich verlangt, daß amerikanische Truppen mindestens in der bisherigen Anzahl in Europa bleiben sollen. Eisenhower hat auch versprochen, daß die Steuern herabgesetzt werden. Dazu ist es nötig, die amerikanischen Truppen in Europa zu vermindern, was ohne Gefährdung der westlichen Verteidigung nur geschehen könnte, wenn deutsche Divisionen, die von den Deutschen bezahlt werden, ihre Stelle einnähmen. Frankreich aber will eine solche Aufrüstung nicht zulassen. Und schließlich wird es Eisenhower immer schwerer, die notwendige Bewilligung der Gelder für die Verteidigung Europas vom Kongreß zu erhalten. Man fühlt sich genarrt – und zwar von den Franzosen.

Es kann daher nicht wundernehmen, daß man in den USA beginnt, mit dem Gedanken an eine neue strategische Konzeption zu spielen. Man will die Verteidigung Europas "peripher" aufbauen und sich dabei auf Großbritannien, Spanien, Italien, Nordafrika und den Nahen Osten stützen. Frankreich würde auf diese Weise genau so zum Vorfeld der Verteidigung werden, wie es – unter den heutigen Verhältnissen – Westdeutschland ist.

Zugegeben: die heutige französische Regierung ist praktisch nicht verhandlungsfähig. Laniel hat die absolute Mehrheit, die er von der Kammer für seine Außenpolitik verlangt hatte, nicht erhalten. So hatten denn die Franzosen auf der Bermuda-Konferenz – eben wegen dieser Schwäche – einen schweren Stand. Hinzu kam, daß Laniel und Bidault schwer zerstritten sind, weil Laniel seinen Außenminister in der Rede, die er zum Abschluß der außenpolitischen Debatte in der französischen Kammer hielt, überhaupt nicht erwähnt hat. Auch das schwächte die Stellung der Franzosen. Und zu allem übrigen wurde Laniel dann auch noch krank. All dies konnte natürlich nicht ohne Einfluß auf den Verlauf der Bermuda-Konferenz bleiben, und so mußten sich denn die Franzosen gefallen lassen, daß sie mehrmals – so in der Frage des Termins für die Viermächte-Besprechungen – an die Wand gedrückt wurden.

Dabei handelte es sich keineswegs um eine unwichtige Frage. Der sowjetrussische Vorstoß ist gemacht worden, um die Franzosen in ihrem Kampf gegen die deutsche Aufrüstung und gegen die EVG zu unterstützen. Der Faktor Zeit ist dabei sehr wichtig. Die erste Verzögerung für die Aufstellung einer europäischen Armee, die wir jetzt in Kauf nehmen müssen, entsteht durch das erzwungene Warten auf die Berliner Konferenz, die zweite durch die Konferenz selbst, auf der sicher lange zum Fenster hinausgeredet werden wird. Das alles ist terminmäßig vorzüglich berechnet, woraus man ersehen kann, daß der gewitzte Taktiker Molotow die Zügel der sowjetischen Außenpolitik vieder in die Hände bekommen hat. Am 17. Januar wird der neue französische Präsident in sein Amt eingeführt. Die französische Regierung hat dann zu demissionieren. Und danach beginnt jenes Spiel, das die französischen Parlamentarier mit ebensoviel Genuß wie Zeitverlust spielen: die Bildung einer neuen Regierung. Es scheint, daß Eisenhover, was diesen Zeitverlust angeht, auf der Bermuda-Konferenz Bidault und Laniel gegenüber sehr deutlich geworden ist. Auch für ihn ist Zeit ein wesentlicher Faktor. Denn der Kongreß ist ungeduldig und will wissen, woran er mit seinen Beiträgen zur europäischen Verteidigung ist.

Churchill hat sich bei diesen Kontroversen sehr zurückgehalten. Zweifellos ist es ihm zu verdanken, seinem Verhandlungsgeschick und seinem Takt, mit dem er dem amerikanischen Präsidenten – als sehr viel Älterer und auf englischem Territorium – den Vorsitz über die Konferenz übertrug, daß der sowjetische Vorschlag für Viermächte-Besprechungen so schnell von den Amerikanern, die diesen Verhandlungen sehr mißtrauisch gegenüberstellen, angenommen worden ist. Aber diese Berliner Konferenz ist nicht Churchills Konferenz, er wartet auf Fünfmächte-Besprechungen, an denen also auch China teilnimmt. England braucht eine Erweiterung seines Handels im Fernen Osten und eine friedliche Sicherung seiner Stellung in Hongkong. Wenn allerdings, wie man mit einiger Sicherheit voraussagen kann, die Viermächte-Besprechungen in Berlin an sowjetischen Spiegelfechtereien scheitern werden, dürfte es mit dieser Fünfmächte-Konferenz erst recht noch lange Weile haben.

Richard Trngel