In Versailles steht der Kongreß vor der Alternative: Hierarchie oder Kontinuität

Von Paul Bourdin

Am nächsten Donnerstag, dem 17. Dezember, wird das stille, etwas verschlafene Versailles dem glänzenden und lärmenden Paris den Rang streitig machen. Es gilt, einen neuen Präsidenten der Republik zu wählen. Ganz Paris wird auf den Beinen oder vielmehr auf der Achse sein, die Abgeordneten, die Senatoren, das diplomatische Korps, die hohen Beamten und alles, was in der Gesellschaft, Literatur, in Theater, Film und Mode Rang und Namen hat, eben tout Paris. Dreieinhalbtausend Mann an Sicherheitskräften werden nötig sein, um diesen Strom von Autos und Menschen zu regeln: Polizei, Gendarmerie, Infanterie und berittene republikanische Garde mit blankem Säbel. Aber es wird kaum Verkehrsstockung und Gedränge geben wie in Paris, denn die Plätze und Alleen, die für die Aufzüge königlicher Karossen und Regimenter angelegt wurden, reichen immer noch für die Kolonnen fahrender und parkender Autos aus. Die modernen Städtebauer hätten sich hier ein Beispiel nehmen können.

Vor der Wahl gibt es ein gesellschaftliches Vorspiel. Es verleiht dem ernsten und meist recht langwierigen politischen Akt Glanz und Farbe. Und wie fast jedes gesellschaftliche Ereignis in Frankreich ist es auch ein gastronomisches Ereignis. Denn es gehört zur Tradition, daß "man" am Tage der Wahl des Präsidenten der Republik in Versailles frühstückt. Auch dafür bietet das Städtchen alle Voraussetzungen. Es hat ein Dutzend guter Restaurants, aber jeder, der auf sich hält, möchte seine Freunde ins Trianon Palace in der Avenue de la Reine einladen. Dort ißt man am besten, seitdem das berühmte Hotel des Reservoirs, in dem 1919 die Delegierten zur Unterzeichnung des Versailler Vertrages abgestiegen waren, Teil der Präfektur des Departement Seine-et-Oise geworden ist. Seit Wochen sind alle Tische im Trianon mit an die tausend Plätzen reserviert. Auch das Gedeck sowie sein Preis von dreitausend Francs sind längst festgelegt. Das sind nicht weniger als fünfunddreißig Mark, immerhin gibt es dafür drei Gänge: eine halbe Languste, ein viertel Hühnchen, Ananas und Gebäck, dazu Heidsieck Jahrgang 1947.

Zwischen 12 und 2 Uhr

Das alles will in der kurzen Zeit zwischen zwölf und zwei Uhr bewältigt sein, denn dann beginnen die Wahlgänge – es werden mehr als drei werden – im Kongreßsaal des Schlosses, in dem für gewöhnlich die Vertreter der überseeischen Gebiete tagen. Diese nehmen freilich nicht an der Abstimmung teil, obwohl der Präsident der Republik auch Präsident der Union Française ist. Zum Kongreß gehören nur die beiden Häuser des Parlaments, die 627 Abgeordnten der Nationalversammlung und die 320 Senatoren des Rats der Republik. Die absolute Mehrheit dieser 947 Parlamentarier beträgt also 474, doch wird der Präsident der Republik mit der absoluten Mehrheit der abgegebenen Stimmen gewählt, so daß Enthaltungen den umständlichen Vorgang beschleunigen können.

Er besteht darin, daß nach einer kurzen Ansprache des Präsidenten der Nationalversammlung, der als Präsident des Kongresses fungiert, zunächst einmal die Reihenfolge der Abstimmenden durch Auslosung eines Buchstabens des Alphabets entschieden wird. Wenn zum Beispiel der Buchstabe J gezogen wird, dürfte Jacquinot, Minister für die überseeischen Gebiete, als erster seine Stimme abgeben, und man kann sicher sein, daß er sich selbst wählen wird, denn er gehört zu dem Dutzend Anwärtern auf das höchste Amt der Rebuplik. Ihm folgen die Parlamentarier, deren Namen mit J bis Z anfangen, und dann diejenigen mit A bis I.