Wir hörten:

Wenn auch das Funkische andere Formen verlangt als das Theatralische, das Filmische, das Literarische, so ist doch eins allen gemeinsam: sie dürfen nicht bloße Abbildung der Wirklichkeit werden, sondern müssen ein Gleichnis geben, das der Hörer, der Zuschauer, der Leser als Appell in sich aufnehmen kann. Das Hörspiel mit künstlerischem Anspruch kann dabei dem Gebrauchsstück äußerlich ähnlich sehen, und der Hörer braucht nicht gleich mit der Nase auf die tiefere Bedeutung gestoßen zu werden. Besser ist, wenn sie sich für ihn am Ende von selbst ergibt. Paul Hühnerfelds Hörspiel "Du selbst bist dein Feind" erzählt scheinbar nur eine Story der Nachkriegszeit, die sich vom Psychologischen ins Kriminelle wendet: ein Arzt und ein Kriminalkommissar spüren den möglichen Motiven für den zunächst rätselhaften Selbstmord einer Frau nach, die wegen Gastritis bei dem Arzt in Behandlung war. In dem kunstvoll geführten Handlungsverlauf stellt sich heraus, daß eine Freundin der Kranken, die ihr die Liebe eines Mannes neidete, ihr suggeriert hat, sie leide an Magenkrebs, womit sie sie wissentlich in den Tod trieb. Ein abseitiger Kriminalfall? Nein, ein Gleichnis für die beiden Gefahren, denen der heutige Mensch erliegen kann, wenn es aus den festgefügten Ordnungen herausgetreten ist: entweder die Verantwortung für sich selbst ganz einzubüßen und anfällig zu werden für den stärkeren fremden Willen, oder aber, wie die Freundin, in die Versuchung der Macht hineinzugleiten und dem anderen den eigenen Willen aufzuzwingen. (In der Aufführung von Radio Bremen kamen diese beiden extremen Temperamente durch Rosemarie Gerstenberg und Gisela von Collande unter der Regie von Carl Nagel beklemmend zur Geltung.) Ein zweites Beispiel: in Conrad Ferdinand Meyers Ballade "Die Füße im Feuer" steckt ein Gleichnis, das Curt Langenbeck in seiner letzten Arbeit, die er wenige Tage vor seinem Tode im August dieses Jahres abschloß, wieder entdeckte und ins Heutige abwandelte. Es ist in dem biblischen Satz beschlossen "Die Rache ist mein, spricht der Herr". Der nächtliche Gast im Grafenschloß ist bei Langenbeck ein Staatsanwalt geworden, der die Gräfin hat foltern lassen, um für die Gestapo den Aufenthalt des flüchtigen Grafen zu erfahren. In einer großartigen Steigerung, die auch die bei Meyer nur angedeuteten Kinder und die greise Schaffnerin in die Handlung einbezieht, wird der Umschwung von Haß- und Rachegedanken in die Erkenntnis vorbereitet, daß eine höhere Rechtsordnung zu entscheiden habe als die menschliche. (Günther Hadank und Paul Hoffmann sprachen mit verhaltener Erregung die von inneren Spannungen glühenden Dialoge in der Aufführung des NWDR Hamburg.) Das dritte Gleichnis dieser Woche war der "radiofonischen" Musik Hans Werner Henzes anvertraut – einer Musik, die sich der technischen Möglichkeiten des Magnetophonbandes bedient, die das Band rückwärts laufen läßt, von einem Klavierton nur den Nachhall gibt oder die Töne in Bruchteile einer Sekunde zusammendrängt. (Hier hat H. H. Spitz als Dirigent und Einstudierer Vorzügliches geleistet.) Alles das, um "Das Ende einer Welt" im Klang sinnfällig zu machen, jene behutsame und fast heitere Geschichte Wolfgang Hildesheimers von der künstlichen Insel bei Venedig, durch deren Einsturz sich die Marquesa, die sie erbauen ließ, und ihre Gäste nicht in dem Genuß einer barock-imitierenden Flötensonate stören lassen. Das Mißverständnis dessen, was Kultur ist, kann nicht überlegener und versöhnlicher glossiert werden als in diesem leichtfüßigen kleinen Werk, das beim NWDR Hamburg in der Erzählerin Gisela von Collande und in dem singenden Autobiographen Helmuth Melchert höchst geistvolle Interpreten fand.

Wir werden hören:

Donnerstag, 10. Dezember, 22.20 aus Frankfurt:

"Wozu noch der Reim?" fragte vor sechzig Jahren Arno Holz, der Dichter des "Phantasus". "Der erste, der auf Sonne Wonne reimte, war ein Genie. Brauche ich denselben Reim, den vor mir schon ein anderer gebraucht hat, so streife ich in neun von zehn Fällen denselben Gedanken." Für die moderne deutsche Dichtung ist der Ostpreuße und Wahlberliner Arno Holz bahnbrechend geworden, und es ist eine Ungerechtigkeit der Nachwelt, daß sie ihn nur als "konsequenten Naturalisten" kennt. Wilhelm Emrich, dessen Deutung von "Faust II" ein neues Goethe-Verständnis begründet hat, stellt in einer Hörfolge über Arno Holz dessen Revolution der Kunstmittel am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts dar.

16.00 aus München: Die Kammermusici am Hofe des Fürsten von Thurn und Taxis in Regensburg des 18. Jahrhunderts haben in der Donaustadt ein Zentrum vorklassischer Musikkultur geschaffen. Konzertante, sinfonische und Vokalwerke, die das fränkische Landesorchester in Nürnberg aufführt, geben Proben davon.

Freitag, 11. Dezember, 21.00 vom Südwestfunk: