Guben, im Dezember

Wer vor 1939 von Berlin nach Breslau fuhr, kam an einer Stadt vorbei, die schon dem flüchtigen ersten Blick des Reisenden ein reizvolles Bild vermittelte. Vielleicht hat er hier in Guben einmal haltgemacht. War es ein Frühsommersonntag, so wird er bald in den Strom Erholungsuchender Berliner geraten sein, die dieser "Perle der Lausitz" alljährlich zur Zeit der Baumblüte einen Besuch abstatteten. In der Stadt selbst waren an solchen Tagen Gaststätten und Hotels überfüllt, und vor dem Theatergebäude auf der Neiße-Insel wurden wahre Volksfeste gefeiert.

Das alles jedoch ist nun vorbei. Der Berliner fährt nicht mehr zur Baumblüte ins Neißetal, Guben, die Perle der Lausitz hat ihren Glanz völlig verloren. In den Februartagen des Jahres 1945 ist die Bedeutung dieser Stadt in den Runen ihrer Straßenzüge begraben worden. Hitler hatte hier zum letzten Male versucht, den Angriff der Sowjets zum Stehen zu bringen.

Dann bricht der 20. Juni 1945 an. In den frühen Stunden des sonnenhellen Tages stehen in allen Straßen des östlichen Stadtteils polnische Soldaten: die große Austreibung beginnt. Nach stundenlanger Kontrolle werden die Menschen zu Tausenden durch die Neiße getrieben, erschöpft und ihres Eigentums beraubt erreichen sie den Westteil der Stadt. Wenige Tage später hausen hier auf einem für 10 000 Menschen berechneten Raum mehr als 28 000. In einem Punkte aber ist die Tragik der Austreibung in dieser Stadt noch gesteigert: der aus Danzig oder Breslau Vertriebene hat nur noch das geistige Bild seiner Heimat vor Augen. Den Gubenern. aber blickt die nackte, brutal: Realität täglich, stündlich entgegen. Ihr Heim steht deutlich einen Blickwurf von ihnen entfernt. Der tägliche Widerstreit von Hoffnung und Zweifel auf Rückkehr stürzt die Gubner in einen Hexenkessel der Meinungen und Gerüchte...

Wer heute, nach jahrelanger Abwesenheit, in diese Stadt kommt, den erwartet ein langweiliger und nichtssagender Ort. Die wenigen Straßen sind rasch durchwandert. Und was am auffallendsten ist, sind ihre neuen Namen. Die "Große Liebe zum polnischen Brudervolk" findet sichtbaren Ausdruck in der Benennung von Straßen nach sowjetisch-polnischen Parteigrößen. Aus der früheren Alten Poststraße wurde die Cyrankiewicz-Straße Wenige Schritte von hier befindet sich in der ehemaligen Uferstraße – der neue Name ist unaussprechbar – das Verwaltungszentrum der Stadt in einer demontierten Hutfabrik. Doch was gibt es zu verwalten? Die Stadt ist nicht mehr das wirtschaftliche und politische Zentrum ihres Kreises. 23 km nördlich liegt Fürstenberg-"Stalinstadt" mit seinem "Eisenhüttenkombinat-Ost". 2500 Gubener sind hierhin zur Arbeit verpflichtet, das sind mehr als 10 Prozent der Gesamtbevölkerung Gubens. Viele von ihnen sind Arbeiter aus der alten Tuch- und Hutindustrie, die ihre einstige Bedeutung völlig verloren hat. Sämtliche Betriebe sind enteignet. Erst vor kurzem wurde die letzte private Tuchfabrik (Lehmann & Richter) "volkseigen". Und alle diese Firmen mit ihren oft seit Jahrhunderten feststehenden Namen, Fabrikzeichen und Traditionen, tragen die einheitsgrauen "vergesellschafteten" Firmennamen. Aus Celewes (Lehmann & Wwe.) wurde Gubener Wolle, und dann in einer Reminiszenz an die alte, einstige Leistung VEB "Qualität".

Es steht den Leuten deutlich im Gesicht geschrieben, wie sehr sie alle physisch und psychisch ausgehöhlt sind. Wenn sie um 18 Uhr von der Arbeit nach Hause kommen, erwartet sie die hier im Grenzgebiet niemals – und auch nach dem 17. Juni wurde das nicht anders – eingestellte obligate Stromsperre bis 21 Uhr. So muß alle; Leben zwangsläufig erstarren. Dazu kommt, daß selbst heute das Wohnraumproblem nicht gelöst ist. So sind seit 1947 mehr als 7000 Menschen abgewandert; oder – man kann es noch deutlicher sagen: ein Viertel der 1946 die Stadt bewohnenden 28 000 Menschen ist vor der Trostlosigkeit ihres psychischen und sozialen Schicksals geflohen.

Erschreckend hoch sind diese Zahlen selbst für den SSD, der hier an der Grenze besonders intensiv arbeitet. Immer wieder versuchen Beamte, Spitzel und sonstige Helfershelfer in Gruppen, Vereine, Familien einzudringen und ihr brutales Werk zu verrichten. Da wird eine Poliklinik – ein "Gesundheitskombinat" – errichtet. Linientreue Ärzte und Zahnärzte sollen an die Stelle der alteingesessenen und vertrauten privaten treten. Man schafft Vorwände, schreitet ein. So wurde erst kürzlich einer der letzten noch frei praktizierenden Zahnärzte von der Straße weg in den PKW der SSD-Kommandantur gezerrt. Er ist nicht wiedergekommen. Am 16. Juni abends schaltete der SSD einfach den Strom ab. Keiner konnte in der Nacht und am folgenden schicksalsschweren 17. Juni die Radiosendungen über den deutschen Aufstand hören. Die Vergeltung der Unmenschlichkeit aber wurde nur vertagt. Die Menschen sind sich darin einig. Wie sie überhaupt zusammenhalten hier in der Stadt an der Grenze. Der Besucher wußte schon nach Stunden, daß er sich vor diesem oder jenem vorzusehen habe, etwa vor dem Oberspitzel Ambrosch, einem Frisör. Und er ließ sich im HO-Café an der Neiße auch in kein Gespräch mit dem Kellner ein.