Thomas Wolfes "Herrenhaus"

Bundespräsident Heuss hat den Intendanten und Schauspieler Gustaf Gründgens mit dem Verdienstkreuz der Bundesrepublik ausgezeichnet.

Düsseldorf, Anfang Dezember

Gustaf Gründgens setzte Ansehen und Kraft seines Düsseldorfer Schauspielhauses für die Uraufführung einer Bühnendichtung ein, die der amerikanische Romaneier Thomas Wolfe im Alter von fünfundzwanzig Jahren geschrieben hat. Das Schauspiel "Herrenhaus" fand sich im Nachlaß das. Dichters, der 1938 im Alter von achtunddreißig Jahren an einer Gehirnblutung gestorben ist.

Der Rowohlt-Verlag legte das Stück den Freunden des Wolfesehen Romanwerkes als Lesedrama vor. Gründgens aber, der sonst einen untrüglichen Instinkt für das Theater hat, wagte die Darstellung des Epikers auf der Bühne. Das Votum des Theatermannes schuf eine literarische Sensation.

Thomas Wolfe hat sein Schauspiel selbst interpretiert. In dem Roman "Von Zeit und Strom" erzählt und deutet der Romanheld das Stück als ein eigenes Werk. "Gegenstand der Handlung waren", so heißt es dort, "Niedergang, Fall und endgültiges Verlöschen einer stolzen, selten Aristokratenfamilie aus den Südstaaten in den Jahren nach dem Bürgerkrieg." Und an anderer Stelle: "Der Bürgerkrieg 1861 bis 1865 mußte tüchtig als Deckmantel herhalten für eine Satire auf den großen Weltkrieg unserer Tage." Überblickt man von diesem thematischen Gesichtspunkt des Dichters aus die Bühnenhandlung, so sind es drei Elemente, aus denen sich das dramatische Geschehen entwickelt: General Ramsay ist der Repräsentant einer aristokratischen Gesellschaftsordnung, die – auf großen Land- und Sklavenbesitz gestützt – der Ungleichheit in der Welt die einigende Kraft der starken Persönlichkeit und ihrer traditionellen Moraltribute entgegenstellt. Von der Brüchigkeit dieser religiösen, sittlichen und sozialen Autonomie ist Eugen, der eine Sohn des Generals, nicht erst seit der Kriegserklärung der amerikanischen Nordstaaten an den sklavenhaltenden Süden überzeugt: Eugen ist ein Rebell aus romantischer Liebe zu den ewigen Werten des Lebens, die er in der allgemeinen Menschenliebe sieht. Er wurde darüber zum Zyniker, beugt sich aber der väterlichen Persönlichkeit und muß es nach dem verlorenen Krieg erleben, wie das Herrenhaus in die Hände von Mr. Porter übergeht. Ihn, den dritten Partner des Dramas, kennzeichnet der Autor als ein Mitglied der aufstrebenden unteren Klasse, als einen vulgären, groben, gemeinen, aber ... ungeheuer fähigen Materialisten aus dem aufstrebenden Mittelstand der Südstaaten. Porters Zimmerleute reißen das Herrenhaus ein. Die Trümmer begraben Eugen, den hoffnungslosen Rebellen, und Todd, den Neger-Butler aus einer Häuptlingsdynastie, die sich königlich noch in der Sklaverei verhielt.

Diese amerikanische Götterdämmerung spricht deutsche Zuschauer zweimal an. Das Herrenhaus, der General und die zu ihm gehören, sie dürfen als Sinnbild einer auch uns bekannten Welt- und Ehrauffassung gelten. Sie verteidigen mit letzter Kraft und großartiger Haltung das Selbstgeschaffene und Gewordene, obwohl sie die Verlorenheit ihrer Position schließlich einsehen müssen. Es ist die Position des tragischen Heroismus. Gegen ihn empört sich Eugen. Was den Zuschauer eine Zeitlang Hoffnung auf diese Figur setzen läßt, ist Eugens Lob der Mittelaltrigen. Er appelliert nicht, wie etwa Cocteau im "Bacchus" gegen die Alten an die Jugend. In der glänzenden Abfertigung eines Majors, der Kadetten erzieht, entlarvt Eugen auch die Hoffnung auf die Jugend als die letzte Dummheit der Alten, die sich nach ihrem eigenen Schiffbruch der Unerfahrenheit von Begeisterungsfähigen für ihre überlebten Ideale zu versichern suchen. Aber auch Eugen geht in die Knie vor der Größe verlöschenden Herrschertums. Er stiftet nichts Neues, sondern stellt als Fazit seiner Revolte fest: "Nur die Entfernung bleibt und aller Schmerz. Das ist alles. Die Pole der Welt haben sich in der Dunkelheit berührt – darüber hinaus werde ich nicht gehen." Thomas Wolfes dramatischer Held verzichtet. Als persönlicher Trost bleibt ihm die Liebe einer Frau. Die Weltuhr aber ist entgegen Hebbels Forderungen an die Tragödie trotz aller Toten auf der Bühne um keine Minute weitergestellt worden.