Zwei Erklärungen aus Westdeutschlands Montanwirtschaft erfordern einige Aufmerksamkeit: Vorstandsmitglied Direktor Polenz von den Rheinischen Röhrenwerken, dem größten kontinentalen Röhrenproduzenten, stellte fest, daß die deutsche Röhrenkapazität um etwa 50 v. H. übersetzt sei (was gleichbedeutend ist mit einer Übersetzung der Röhrenkapazität im Montan-Union-Raum). Otto Wolff von Amerongen vertrat wenige Tage nach der Polenz-Erklärung in einem Gespräch die Auffassung, daß bereits jetzt schon eine gewisse Überkapazität am Warmbandmarkt im Montan-Union-Raum bestehe, so daß bezüglich der Preise auf diesem Gebiet für den Weiterverarbeiter keine Sorgen entstehen könnten. (Hier hat vor allem Frankreich durch seine erheblichen, mit Dollargeldern gespeisten Nachkriegsinvestitionen eine strukturelle Verschlechterung der Marktlage herbeigeführt.)

Aber sowohl auf dem Röhrengebiet wie in Walzmaterial wird weitergebaut. Große Investitionsprogramme laufen noch voll, und es besteht die Gefahr, daß der Produktionsapparat sich übermäßig ausweitet. Da vor allem im Zuge des Monet-Planes auf französischem Boden zügig weiter investiert und vergrößert, die Nachfrageseite aber bei weitem nicht in gleichem Maße gestärkt und angeregt wird, dürfte sich die Schere eines Mißverhältnisses von Jahr zu Jahr weiter öffnen.

Wacht die Montan-Union, d. h. die Hohe Behörde, über diese strukturelle Verschiebung? Sicherlich werden in Luxemburg diese oft etwas eigenwilligen Entwicklungen in den einzelnen Partnerländern der Union beobachtet und registriert.

Aber alle Mitgliedsstaaten rufen nach dem großen (unbekannten) Kapitalgeber aus Übersee oder aus der Nachbarschaft, die Hohe Behörde ruft sogar selbst kräftig mit, und überall haben die Ingenieure unverändert das erste Wort und herrliche Baupläne in der Tasche. Aber wird dies alles unter kaufmännischen Gesichtspunkten vertretbar sein können?

Wir neigen zu der Auffassung, daß die Montanunion an der Schwelle steht, hinter der gewaltige Fehlinvestitionen beginnen. Wir meinen, daß mit der Kapazitätserweiterung langsam Schluß gemacht werden müßte, daß statt dessen Investitionsgelder besser für begrenzte Modernisierungen und nur für solche Objekte zur Verfügung stehen sollten, die wirklich einmal die Herstellungskosten zu senken imstande sind. Die Technisierung hat seit 100 Jahren per Saldo überwiegend Verteuerungen geschaffen, mindestens aber diese nicht aufgehalten. Da meist die Kapitalkosten schneller und heftiger gestiegen sind, als die reinen Fertigungskosten fallen konnten, dürfte die volkswirtschaftliche Gewinnmarge aus Kapazitätserweiterungen im Sinken begriffen sein.

Wir haben den Eindruck, daß auf diese und ähnliche Dinge in Luxemburg zu wenig geachtet wird. Die Europäische Gemeinschaft wurde zu Zeiten eines Verkäufermarktes geschlossen. Aber schon nach zwei Jahren hat die Entwicklung das planwirtschaftliche Programm der Montan-Union restlos widerlegt. Obwohl seit einigen Monaten für Grundstoffsortimente "Käufermarkt" besteht, hat der Übergang von der planwirtschaftlichen Unions-Politik zur Elastizität des Marktes noch kaum begonnen. Trotz des auf fünf Jahre festgelegten Verbotes jeder Vertragsänderung sollte daher vielleicht doch schon jetzt im Interesse aller sechs Vertragspartner an eine Korrektur herangegangen werden.

Wenn zur Zeit bedauerlicherweise an allzuvielen Stellen Mißmut über die Hohe Behörde besteht, so nicht zuletzt deshalb, weil sie allzu stark in unmittelbare wirtschaftliche Funktionen verstrickt worden ist und sich in Details verliert. Es müßte geprüft werden, ob die Hohe Behörde nicht von solchen Funktionen zu lösen ist. Ein Beispiel ihres "Übergriffes" ist die Haltung zu dem sogenannten Stahlexportkartell der sechs Partnerländer, soweit sie in dritte Länder verkaufen. Aber auch der Eingriff in die Preise innerhalb des Montan-Union-Raums gibt zu denken.

Es müßte ferner überlegt werden, wie innerhalb der an sich politisch entstandenen Montan-Union eine wirtschaftliche Selbstverwaltung eingebaut werden könnte. Ein solches System wirtschaftlicher Selbstverwaltung wäre dann einer europäischen Behörde zu unterstellen, die lediglich kontrollierende Funktionen besitzt und daher wirklich eine "Hohe Behörde" sein kann. Sie hätte die Aufgabe, nicht nur die Interessen der Produzenten, sondern auch der Verbraucher und Arbeitnehmer zu vertreten. Die – wir wiederholen, nicht zuletzt wegen der französischen Neubauten – bestehende Gefahr der Übersetzung der Stahlkapazität wird jedenfalls durch das bisherige Wirken der Hohen Behörde nicht gebremst, obwohl hier die berufenste Stelle wäre, aus dem Überblick heraus ausgleichend und beratend zu wirken. W. O. Reichelt