Gerhart Hauptmanns letzte Tage

Eine Stunde nach dem Ableben Gerhart Hauptmanns versammelten sich unter dem Fenster des Sterbezimmers auf dem Wiesenstein zu Agnetendorf Milizianten, die mit Kindertrompeten, Topfdeckeln und Trillerpfeifen eine ohrenbetäubende Katzenmusik vollführten: – so groß war die Freude dieses Janhagels, daß der "große Deutsche", der sich bis zuletzt immer wieder zu seinem Deutschtum bekannt hatte, nun endlich tot war! Schlesien war nicht mehr Schlesien: eine fanatische Soldateska, untermischt mit anderen landfremden und zweifelhaften Elementen nutzte die Ohnmacht nach dem deutschen Zusammenbruch, um rigoros und gewalttätig zu herrschen, unterstützt von der Warschauer Regierung. Dies alles schildert Gerhart Pohl in seinem Buch "Bin ich noch in meinem Haus?" (Lettner-Verlag, Berlin-Dahlem).

Mit Mühe nur hatte der sowjetische Oberst Sokolow, der das Werk Hauptmanns kannte und um die Weltgeltung des Dichters wußte, die Integrität der Person Hauptmanns und seines Wohnsitzes gegenüber den ständig wachsenden Forderungen der Polen aufrechterhalten. Jetzt, da sich dieses Leben vollendet hatte, konnte er nur noch – und auch das gegen intriganten polnischen Widerstand –

dafür sorgen, daß die Leiche des Dichters auf sicheres Gebiet fortgebracht wurde. Zwar hatte Hauptmann sich gewünscht, im Park des "Wiesenstein" beerdigt zu werden; hatte er doch seiner schlesischen Heimat bis zuletzt die Treue gehalten – war er doch nach der Zerstörung Dresdens, die er miterleben mußte, noch einmal zurückgekehrt nach Agnetendorf.

Gerhart Pohl, naher miterlebender Freund des Hauses Hauptmann, hat diese letzten Tage des Dichters in einem schmalen Buch von dokumentarischem Wert festgehalten. Was alles an äußeren Widerwärtigkeiten, Überfällen, Gefahren an Leib und Leben zu bestehen war in jenen Tagen, hat Pohl selbst in eigener Person erfahren. Inmitten aller Not schien Hauptmann, solange er lebte, noch immer eine Hoffnung für das Deutschtum in Schlesien. Seine letzten Worte: "Bin ich noch in meinem Haus?" (sie sind der Titel des im Lettner-Verlag, Berlin-Dahlem, erschienenen Buches, das neben 120 Textseiten acht bisher unveröffentlichte Photos enthält: Leinen 5,80 DM) bedeuten ein Ausharren im Verbundensein mit dem Geschick der Heimat bis zum letzten Hauch.

Man erfährt vieles Wissenswertes, nicht nur über das klare, mutige und geschickte Verhalten des Dichters, den die Sowjets nur allzugern zu einem großen As in ihrem Spiel gemacht hätten, sondern auch über das Schlesien unmittelbar nach dem Kriege und das Schicksal mancher berühmter Männer, wie des Literarhistorikers der Breslauer Universität, Eugen Kühnemann, der als ein ausgeplünderter Greis Zuflucht auf dem Wiesenstein suchte, ehe er im Elend umkam.

So ist Gerhart Pohls Buch nicht nur ein Beitrag zur Biographie des Dichters, sondern ein Dokument zu einem Kapitel jüngster deutscher politischer Geschichte. Christian Otto Frenzel