In jener fernen Zeit, als die Generation, die heute allmählich in den Rang der Großmütter und Großväter einrückt, noch jung war – das war also in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg –, da versuchten Lehrerschaft und Geistlichkeit, die Jugend gegen die Verlockungen der sozialistisch-kommunistischen Ideen dadurch immun zu machen, daß sie an das gesunde Urteilsvermögen ihrer Schutzbefohlenen appellierten: Die kommunistische Idee, das Eigentum aufzuteilen und es an alle Menschen zu gleichen Teilen zu vergeben – so führten sie aus – sei ja doch völlig weltfremd. Denn der Tüchtige werde seinen Anteil bewahren und vermehren, der Untüchtige aber werde ihn in kürzester Zeit verprassen, und damit werde das Prinzip der Besitzgleichheit in kürzester Zeit ad absurdum geführt ... oder solle nun etwa in regelmäßigen Zeitabständen, alle zehn oder fünfzehn oder zwanzig Jahre, die Neuverteilung des Besitzes in gleiche Lose erneut durchgeführt werden? – Mit einer solchen Argumentation also glaubte man damals den "primitiven" Kommunismus schlüssig widerlegt zu haben.

Freilich wurde auch damals schon, und das mit einigem Recht, diese Art der Beweisführung als veraltet zurückgewiesen. Mittlerweile haben wir aus dem Anschauungsunterricht, den uns die Sowjetunion nachdrücklich genug beschert hat, ja auch gelernt, daß der Kommunismus – mittlerweile seinen "primitiven" Formen längst entwachsen! – mit ganz anderen und sehr viel stärker differenzierten Methoden zu Werke geht, als es sich unsere Lehrer und Geistlichen in jener geruhsamen Vorkriegszeit vorstellten. Ein sclch simples Verfahren, wie die Aufteilung des Besitzes zu gleichen Teilen an alle und jeden, ist unter dem kommunistischen Regime gar nicht erst versucht worden; dort wird, wie es mittlerweile ja hinlänglich offenkundig geworden ist, das "Sozialprodukt" nach einem völlig anderen Prinzip verteilt: große Stücke für den Funktionär und auch für den Spezialisten, auf dessen technisch-ökonomische Mithilfe die herrschende Kaste angewiesen ist – Bildung erheblicher Reserven für den staatlichen Apparat, insonderheit für die Rüstung und für den die Rüstung produzierenden industriellen Bereich; was dann noch übrigbleibt – es ist jämmerlich wenig, wie man weiß – wird vorzugsweise an die "Schaffenden", die "Arbeiter der Faust", gegeben, soweit sie ihr "Soll" erfüllen – und für alle übrigen Mitglieder der kommunistischen Gesellschaft bleibt dann gerade so viel an Zuteilungen, wie notwendig ist, ein primitives Leben zu fristen (und mitunter weniger als das: dann bleibt ihnen also der Hunger, nach schlechten Ernten der Hungertod).

Der ehedem als kommunistisch diffamierte Vorschlag, den Besitz zu gleichen Teilen an alle Bedürftigen zu geben, ist mittlerweile in abgewandelter Form von den Liberalen (vom Schlage des Lord Beveridge) und von den linksbürgerlich-sozialistischen Verfechtern des Wohlfahrtsstaates unter dem Begriff der "sozialen Sicherheit" übernommen worden ... Sie beschränken sich nun nicht mehr auf die Forderung, alle zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahre eine Neuverteilung des Volksvermögens vorzunehmen, um dadurch die "Enterbten des Schicksals" am Besitz zu beteiligen – sie sind viel fortschrittlicher, als es der "primitive Kommunismus" je gewesen ist. Denn ihr Bestreben geht nun dahin, den "Enterbten des Schicksals" durch laufend gewährte Leistungen, durch eine ständige "Neuverteilung der Einkommen", einen bestimmten Anteil am Sozialprodukt zuzuweisen... So sind die im Zeichen der "sozialen Sicherheit" mit laufenden Zuwendungen bedachten Menschen der Sorge enthoben, daß sie den ihnen zugewiesenen Anteil am Volksvermögen etwa verwirtschaften könnten und dann mit leeren Händen, hilflos, ohne Reserven und ohne Hoffnung auf neue Zuteilungen dastehen müßten – es wird jetzt laufend für sie gesorgt, durch Zuwendungen eben aus dem jeweils neu entstehenden Volkseinkommen. Damit ist der "primitive" Kommunismus nicht nur überwunden, sondern übertrumpft...

Man möge nun unsere ironische Kritik an dem heute geübten und als "besonders fortschrittlich" gepriesenen (in Wirklichkeit aber aus einem mehr naiven als primitiven Kommunismus erwachsenen) Verfahren der "sozialen Sicherheit" nicht mißverstehen. Es ist sicherlich nichts gegen die echte Humanität einzuwenden, und gegen eine wahrhaft soziale Hilfsbereitschaft, deren Ziel es ist, allen Menschen möglichst gute Start- und Aufstiegsmöglichkeiten zu geben, und auch unverschuldete Notlagen zu beheben. Insonderheit richtet sich unsere Kritik nicht dagegen, daß jetzt und hier, im Nachkriegsdeutschland, versucht wird, den Hunderttausenden und Millionen, die seit 1933 unersetzliche immaterielle Werte verloren haben, einen bescheidenen Ausgleich wenigstens für die erlittenen materiellen Verluste zu gewähren ... Sehr viel einzuwenden ist aber gegen die allzu simple Vorstellung, daß laufende Zuwendungen, an die "Enterbten des Schicksals" gegeben, ein hinreichendes Mittel seien, um die wirtschaftliche Not ein für allemal aus der Welt zu schaffen und so die "soziale Sicherheit" zu gewährleisten. Wer so denkt, macht nämlich genau denselben Fehler, wie der "primitive Kommunismus" mit seiner (angeblichen ...) Absicht, das Eigentum zu gleichen Teilen "an alle" zu vergeben: er übersieht nämlich, daß die Menschen verschieden geartet sind. Im Gegensatz aber zur Meinung unserer Väter und Erzieher, die in ihrer Kritik am "Primitivkommunismus" nur von der so unterschiedlichen (wirtschaftlichen) Tüchtigkeit der Menschen ausgingen, ist hier nun zu sagen, daß weniger ökonomische als allgemeinmenschliche Qualitäten entscheidend dafür sind, was der Hilfsbedürftige aus den "sozialen Leistungen" macht, mit denen er bedacht wird.

Wie die Dinge heute liegen, geht es bei der "sozialen Hilfe" überhaupt (und speziell bei den Renten- und Fürsorgeleistungen) viel weniger um den Ausgleich unverschuldeter Notlagen durch die Gemeinschaft: es geht vielmehr darum, daß den Menschen bevorzugt geholfen wird, die unter ihrem eigenen Ungeschick leiden (unter der mangelnden Fälligkeit, "sich schicken zu können" – einem Mangel, derisin extremen Fällen als "asoziales Verhalten" bezeichnet zu werden pflegt). Handelt es sich dabei wirklich um einen "unverschuldeten Notstand", wenn eine willensschwache Frau mit ihrem Haushaltsgeld (oder überhaupt mit ihrem Einkommen, oder dem ihrer Familie) einfach deshalb nicht "auskommt", weil sie nicht zu wirtschaften versteht –? Und analoge Fälle gibt es ja viele... man denke an Leute, die "irgendwie" unzulänglich konstruiert sind, und nun – sei es wegen simpler Dummheit, sei es wegen mangelnder sozialer Einpassungsfähigkeit (z. B. in Form von Hysterie oder Klatschsucht) – einfach "nicht zurechtkommen". Das sind die Menschen, die es an keiner Arbeitsstelle "aushalten", und mit denen "es" in keinem Betrieb auszuhalten ist – weil sie sich in kein Team einfügen, weil sie überall und immer wieder den Zusammenhalt stören... Man kann solchen Menschen wahrscheinlich keine "Schuld" für ihr Verhalten beimessen; andererseits aber muß jede Gemeinschaft mit normalen, gesunden Menschen (was ihre Einpassungsfähigkeit und -bereitschaft angeht) rechnen dürfen und von allen normale (Mindest-)Leistungen erwarten können. – Wenn der Unterstützte seine eben einkassierte Rente sofort in Alkohol anlegt, ist der Tatbestand einfach – aber wenn er z. B. "krankhaft" gutmütig ist, und alles wegschenkt, was dann? Liegt dann auch ein asoziales Verhalten vor?

Solche Leute, die – nicht im moralischen, sondern im eigentlich "sozialen" Sinne – eben nicht ganz vollwertig sind, die also minderwertige Glieder der Gemeinschaft darstellen: sie sind ja die eigentlichen Fürsorgekandidaten. "Tüchtige" Menschen kommen "irgendwie" zurecht; befinden sie sich aus besonderen Gründen in Not, wie heute, nach dem Kriege ja so viele, so "schicken" sie sich, richten sich ein ... Jeder Blick in die Nachbarschaft zeigt, daß Menschen, die unverschuldet ("ohne eigenes Zutun" sollte man wohl besser sagen) in schwierige Verhältnisse geraten sind, sich mit ihrer Rente oder ihrer Unterstützung doch recht gut zu rangieren wissen. Tausend Kleinigkeiten spielen dabei eine Rolle, die man im einzelnen nie richtig wird "werten" können, die aber insgesamt für die ökonomische Situation gewiß erheblich ins Gewicht fallen. Wer "sich schicken kann", wird gut gelitten sein: ihm wird gern geholfen. Die arme Rentnerin, die geachtet und wohlgelitten ist, hat tatsächlich zahllose Vorteile, von denen kaum je gesprochen wird: der Kaufmann wiegt reichlich, rät ihr gut beim Einkauf; die Verkäuferin sucht für sie die besten Zitronen und die frischesten Eier aus; der Nachbar repariert den Wasserhahn, schlägt Nägel ein, montiert eine Lampe; die Nachbarsfrauen zeigen sich erkenntlich für kleine Dienste: das Baby wird bewacht, die Wäsche wird hereingeholt, wenn Regen kommt...

Schwerer aber noch als die materiellen Vorteile wiegen die kleinen Erleichterungen im Zusammenleben: Menschen, denen es wirtschaftlich "unverdientermaßen" schlecht geht, werden von ihrer Umgebung in jeder Beziehung "gestützt". Es handelt sich dabei wohl weniger um Mitleid, als um das Gefühl: diese Frau ist in ihrer Lebenssituation "unterbewertet"; sie gehört eigentlich auf eine höhere Stufe, in ein besseres Haus – und aus dieser gefühlsmäßigen Reaktion folgert unmittelbar eine umfassende Hilfsbereitschaft. Entsprechend gilt das Umgekehrte: wer sich nicht einfügen kann, wer sich durch sein Verhalten jegliche Achtung und Sympathie verscherzt, wird materiell und in seiner Lebenssituation viel schlechter gestellt sein, als jene, die "sich schicken können". Der Elektromeister kommt dann eben nicht "mal vorbei", um eine kleine Reparatur "so" – kostenlos – zu erledigen: er wird sich vielleicht sogar überlegen, ob er überhaupt einen Gehilfen schickt, wenn er damit rechnen muß, daß die hysterische Frau Nachbarin diesen nachher als Dieb verleumdet, wenn sie bei ihrer krankhaften Unordnung irgend etwas vermißt Und damit kommen wir nun zum Fazit.

Man muß ja wohl unterscheiden zwischen sozial Hilfsbedürftigen (sozial Unterstützten), die ohne eigenes Zutun in eine Notlage gekommen sind, in sich aber die Fähigkeit zur sozialen An- und Einpassung haben – und solchen Menschen, denen diese Fähigkeit abgeht, die also (nach sozialen Maßstäben beurteilt) irgendwelche Mängel aufweisen. Die erste Gruppe wird, in ihrer materiellen und in ihrer "vitalen" Situation, immer die Chance des Aufstiegs haben: selbst ein Blinder ist in einem Betrieb besser zu plazieren als ein notorischer Querulant! Der Versuch nun, an die Stelle der "ungerechten" ("kapitalistischen") Sozialordnung eine "gerechte" Ordnung zu setzen und diese durch eine ständige Neuverteilung der Einkommen zu gewährleisten, bleibt immer problematisch, solange die Hilfe nur im Materiellen gesehen wird. Und: solange man die Zahlung laufender Unterstützungen ("Renten") als den einzigen und einzig richtigen Weg anerkennt, etwa mit der Begründung: es sei. für den sozial Schwachen eine unerträgliche Zumutung, die Hilfe in anderer (d. h. in irgendwie "bedingter") Form anzunehmen, weil mit der "Würde der Persönlichkeit" nur die Form regelmäßiger Zuwendungen vereinbar sei. So wird also an den Bedürftigen, als ob er ein "Festbesoldeter" wäre, eine bestimmte Summe ausgezahlt, mit der er nach eigenem Ermessen schalten und walten kann – und es wird gar nicht erst gefragt, ob er dazu überhaupt hinreichend befähigt ist. Das aber ist das eigentliche Problem. Wird das als zutreffend anerkannt, so ergibt sich daraus auch eine wesentlich andere Beurteilung des Systems von sozialen Hilfen, wie es der Wohlfahrtsstaat als notwendig und einzig möglich unter dem neuen Begriff "Soziale Sicherheit" proklamiert und durch eine laufende Neuverteilung der Einkommen durchzuführen bestrebt ist. Jedenfalls sollte bei uns der Versudi unternommen werden, von dem starren Schematismus dieses Systems freizukommen und individuelle,-der menschlichen Natur besser entsprechende Formen der sozialen Hilfe wieder zum Leben zu erwecken – oder solche überhaupt erst neu zu entwickeln. K.-U. Likke