/ Erzählung von Werner Helwig

Wochenlang war ich in den Einöden Lapplands unterwegs gewesen, um den letzten zauberkundigen Priester, einen uralten Schamanen, von dessen magischen Trommelkünsten bei allen lappischen Sippen die Rede ging, anzutreffen. Jetzt hatte ich ihn endlich unweit Arjepluog, in Schwedisch-Lappland also, aufgegabelt. Und nun mußte ich noch einmal Wochen dransetzen, ehe ich sein Vertrauen gewonnen und ihn zum Sprechen gebracht hatte. Dann aber erzählte er mir so merkwürdige Dinge über die Praxis der Zaubertrommel, daß mir buchstäblich die Luft wegblieb. Da gab es für alle Art Krankheiten, Leiden, für Geburt und fürs Sterben bestimmte Trommelrhythmen, die geeignet sein sollten, die von Krankheit Befallenen zu heilen, Geburten zu erleichtern, das Sterben zu mildern. Und vor allem gab es Rhythmen, die auf Tiere wirken sollten, vorzugsweise auf das Rentier, von dem der Lappe lebt. Diese Einwirkung betraf natürlich in der Hauptsache die Vermehrungsfreudigkeit und die Gesundheit innerhalb der Herde. Aber auch wilde Tiere, so behauptete mein Schamane, könnten dem Zwang der Trommel unterworfen werden. Die lappischen Jäger und Fallensteller, sagte er, hätten ihn oft genug bemüht, das ersehnte Beutetier durch die Sprache der Trommel in die gestellte Falle zu locken.

"Wie ging denn das zu", fragte ich ihn, indem ich reichlich Whisky nachschenkte, um sein Erzählen geläufig zu halten – "wenn ein Tier, etwa ein Bär, durch solches Trommeln auf bestimmte Wege gezwungen werden sollte?" Da erzählte er mir eine der merkwürdigsten Geschichten, die ich je vernommen habe, und ich hatte wenig Grund, an seinen Worten zu zweifeln, weil ich seine ernste, gesammelte, offensichtlich magisch begabte Person deutlich im Dunkel des Zeltes neben mir verspürte.

Sollte er mir aber mit dieser Geschichte doch "einen Bären" aufgebunden haben, will ich ihm den Bericht als eine zumindest meisterliche Erfindung hingehen lassen, darin er, indem er log, unzweifelhaft aus dem Urbewußtsein seiner Risse schöpfte. "Es war vor vierzig oder fünfzig Jahren", erzählte er, "da war ich einmal ganz allein im Zeltlager zurückgeblieben. Alle Männer und Frauen meiner Sippe waren mit Abzählen und Aussondern der Herde in einem großen, mehrfach unterteilten Zaungehege beschäftigt; da kam mit einemmal ein ausgewachsener brauner Bär in die Ligergasse getrottet. Der mochte frisches Renfleisch gewittert und auch von der Abwesenheit der Männer mit sicherem Gefühl Spürung bekommen haben. Das bedeutete an sich durchaus nichts Besonderes. Solcher Bärenbesuch war dazumal in der Zeit des Schlachtens und Ausweidens von Rentieren nicht ungewöhnlich. Aber in diesem Falle geriet ein Kind dabei in Gefahr.

Der kleine Taddi, ein etwa vierjähriger Junge, hatte, als man sich anschickte, ins Gehege zu gehen, schön in seinem Schlittenbettchen, der sogenannten Kurnse, geschlafen. Jetzt jedoch, im ungeeignetsten Moment, strolchte er lustig und fast unbekleidet durch die Lagergasse auf der Suche nach einem Zeitvertreib. Ihm im Rücken tauchte der Bär auf, bekam sogleich Witterung von dem halbnackten Menschenkind (der Bär sieht schlecht, lebt sozusagen optisch durch die Nase) und heftete sich an dessen Spur. Von mir waren beide zu diesem Zeitpunkt des bedrohlichen Ereignisses gleich weit entfernt. So konnte ich den Knaben nicht zurückrufen, ohne damit den Bären zu schnellerer Verfolgung aufzureizen. Mit der Flinte dazwischenfahren, war riskant. Ich hätte nur Schrot im Lauf, damit hätte ich sowohl den Bären als auch den Knaben getroffen. Ganz abgesehen davon, daß ein waidwund geschossener Bär in mörderische Wildheit geraten kann. Er verfügt dann über eine Angriffswucht, mit der nicht mehr fertig zu werden ist. Zumal, wenn man allein ist. Und ich war allein. Ich hörte zwar die Häj-häj-Rufe der Männer vom Gehege fern herüberschallen, aber ich hätte mich ihnen nicht bemerkbar machen können. Der Wind stand mir entgegen. Ebenderselbe Wind, der dem Bären den Fleischgeruch zugetragen hatte. So blieb mir nichts anderes übrig, als aus meinem Zelt, in dessen Eingang ich lehnte, meine Birkenholztrommel hervorzuholen und mich damit in die Lagergasse zu hocken, um dem Bären den Befehl zuzutrommeln, umzukehren und das Lager zu verlassen.

Ziemlich beklommenen Herzens (so gestand der alte Schamane) machte ich mich ans Werk. Taddi staunte nicht schlecht, als er die ersten Trommelwirbel vernahm. Er dachte sicher, daß der Onkel Zauberer da ein lustiges Spielchen triebe. Ich aber wagte nicht, die Beschwörungsrhythmen durch irgendwelche Zwischenwinke zu beeinträchtigen. Somit überließ ich Taddi seinem Staunen, ohne ihm Zeichen zu machen. Und solche Zeichen hätten ja auch bewirken können, daß Taddi sich nach dem Bären umsah, was dem Ahnungslosen bisher noch nicht eingefallen war. Das hätte dann die Gefahr nur gesteigert, in der er sdiwebte, denn das Kind hätte Angst bekommen, und für nichts ist die Nase eines Bären empfindlicher als für Angstschweißgeruch. Das schärft alle seine Instinkte, wie bei einem hungrigen Mensdien, wenn er Rentierbraten riecht. Andererseits aber plagte mich die Befürchtung, daß, wenn mein Zauber gelänge, er sich auch dem Kinde mitteilen würde und, wenn der Bär wirklich kehrtmachte, es diesem folgen möchte. Und wirklich, so kam es.

Wie noch nie, sprach die Zaubertrommel unter meinen Händen an. Ich übersetzte meinen Willen in die Takte, die ich klopfte, schlug die Blasenhaut der Trommel mal mit den Fingern, mal mit den Handballen, wiegte mich dabei unwillkürlich in den Schultern und fixierte den Bären, der hinter Taddi her auf mich zukam, kreisenden Blickes genau zwischen die kleinen rötlichen, unpersönlich blickenden Augen. (Das Rentier hat im Gegensatz zum Bären nach lappischer Auffassung einen "persönlichen" Blick.) Wie im Tanzzwang erhob sich nun das mächtige Untier vom Boden und trottete, die Vorderpfoten pendeln lassend, erst ein paarmal im Kreise herum, wie auf der Suche nach seinem entschwindenden Willen, machte dann entschlossen kehrt und verließ das Lager in der Richtung, aus der es gekommen war. Taddi aber fiel im Zwang der Trommel in eine Art Wachschlaf, kehrte sich ebenfalls um und folgte dem Bären geschlossenen Auges. Immer noch nicht aber durfte ich. die zauberische Handlung unterbrechen. Da bestand die Möglichkeit, daß das magische Netz, in welchem ich den Bären hielt, zerriß. Nur eins blieb mir zu tun übrig: die Trommel aufzunehmen und weitertrommelnd hinter dem sonderbaren Paar einherzuschreiten. An allen Gliedern gehemmt, als trüge ich Felsblöcke auf der Schulter, steuerte ich den Bären außerhalb des Lagers auf einen schräg hängenden – Baum zu, der sich über einen reißenden Bach neigte. Der Bär, jetzt gänzlich meinem Willen Untertan, nahm den Baum an, ließ sich auf die Vorderpfoten nieder und klomm den Stamm hinan. Und bevor Taddi den Fuß auf den Baum setzen konnte, kippte dieser mit seinem Wipfel aufs andere Ufer und beförderte den verwirrten Bären in ein rutschendes Geschiebe von Uferkieseln. Das stäubende und reißende Wasser benahm ihm die Witterung. Ich ließ die Trommel fallen, nahm Taddi in die Arme und trug ihn ins Lager zurück.

Wie mir das gelang, weiß ich heute nicht mehr. Jedenfalls fand ich mich in meinem Zelt wieder, umgeben von Männern meiner Sippe, die Taddi herbeigeholt hatte, und in Kleidern, die von meinem Schweiß troffen."