Von Friedrich Sieburg

Mensch, ’ne Lerche!", mit diesem Ruf teilt ein Kamerad dem anderen seine Überraschung mit, als er im Kanonendonner der Champagne plötzlich den unbeirrten Vogelruf vernimmt, Benno Reifenberg schildert diesen Augenblick in seinem Buche "Lichte Schatten (Societätsverlag Frankfurt. 556 S.). Aber er schildert ihn nicht so sehr um des tragischen Kontrastes willen, als um einen Schatten festzuhalten und ihn mit dem Blut des geliebten Lebens zu tränken. Der Freund, der den erstaunten Ausruf tat, ist bald darauf gefallen, aber der Ton der Lerche über dem Tal der Dormoise wird nie verstummen, weil er zum Leben des Erzählenden gehört. Die leidenschaftliche, aber stille Wachhaltung des Daseins, das verschwendet werden muß und von dem doch kein Tropfen verlorengehen darf, ist das eigentliche Thema dieses außerordentlichen Buches. Schreiben als Form des Wachsens – mit Sperbergewalt ruht der scharfe Blick auf der sich unermüdlich wandelnden Welt. Aber was macht dieses Schreiben trotzdem so ruhig, so klar, so beschienen im Dunkeln wie im Hellen? Es ist die Person des Autors, die sich nie zu nennen scheint und doch den eigentlichen Gegenstand des Buches bildet. Ist es erlaubt, nach dieser Person zu greifen, die das Wörtchen "Ich" mit solchem Takt verwendet? Was hilft es! Der Künstler, der die Welt liebt und ihr gerecht wird, muß es sich gefallen lassen, daß sie als seine Schöpfung erscheint, soeben erst heraufbeschworen, mit dem Erstaunen über sich selbst betaut, leuchtend, aber auch im Gefühl der eigenen Gebrechlichkeit bebend. Dieser Schriftsteller Benno Reifenberg, von dessen Persönlichem man so gut wie nichts weiß, ist ein großer Selbstporträtist. Er gestaltet die Welt, und am Ende wird ein Menschenantlitz daraus.

So ist denn auch das Buch "Lichte Schatten" trotz der Varietät seiner Gegenstände nicht eine Sammlung von Essays, die sich etwa zusammenfinden wie Gäste um einen freundlichen Tisch, sondern ein genau gruppiertes Werk. Es ist nicht so sehr "aus den literarischen Schriften" (wie der Untertitel lautet) des Autors zusammengestellt, als vielmehr seiner geistigen Gesamterscheinung mühelos zugeordnet. Mögen auch die meisten Themen des umfangreichen Bandes literarischer Art sein, im Grunde gehören sie alle dem Landschaftlichen an, von deren Wolkenzügen, Erleuchtungen und Finsternissen der Sterbliche den Ablauf der Zeit abliest. Das gilt nicht zum wenigsten für das erstaunlichste Kapitel des Buches "Goethes Bereich", in dem Goethe scheinbar vom Hintergrund her, in Wirklichkeit aber durch eine fast erschreckende Identifizierung lebendig wird. Die deutsche Literatur hat in bezug auf Goethe nichts vorzuweisen, was sich an Authentizität mit diesen Seiten vergleichen ließe. Reifenberg schaut in den Spiegel und erblickt Goethe. Hat er ihn gekannt? Nein, noch mehr: er kennt ihn. "Vielen ist das eigene Dasein erst durch die Kenntnis von Goethes Leben, als von den Möglichkeiten des Lebens überhaupt, verständlich geworden." Gewiß, das ist die Erklärung für Goethes Unentbehrlichkeit. Aber die "Porträtähnlichkeit" des von Reifenberg gestalteten Goethebildes bleibt geheimnisvoll. Objektivierung ist der Sinn alles künstlerischen Bildnerdranges. Es ist denkbar, daß der Vorgang der Objektivierung demBildenden manchmal Zagen einflößt. Da schlüpft er denn in die fremde Gestalt wie in eine Zuflucht und findet Beruhigung in den geistigen Umrissen Goethes, die nun seine eigenen sind: jemand vernimmt in der dunklen Kammer regelmäßige Atemzüge und stellt fest, daß es seine eigenen sind.

Von sich selbst sprechen und doch kritisch in die Welt hinauswirken, ist wahrscheinlich die Idealform schriftstellerischer Tätigkeit. Sie setzt freilich eine reiche oder zum mindesten dichte Weltvorstellung voraus, also genau das, was der deutschen Literatur der Gegenwart völlig abgeht. Reifenberg unternimmt es, ein Tagebuch seines Eindringens in Stifters "Nachsommer" zu schreiben und liefert damit ein literaturkritisches Meisterwerk. Wahrheitsliebend schildert er die Schwierigkeiten, die ihm diese Lektüre anfänglich bereitet, und schreitet dann – mit uns – von Erhellung zu Erhellung, um schließlich am Ende dieses scheinbar zeitfernen Romans zu einer direkten Antwort auf die brennendste Frage der Gegenwart zu gelangen, "ob nämlich äußere Umstinde, worunter auch der Staat zu verstehen wäre, je die Menschen zum Zweifel an sich selbst fortjagen dürfen". Damit beantwortet sich auch die Frage, welches Programm oder welche Doktrin dieser Schriftsteller vertrete, – denn diese Art geistiger Paßkontrolle ist ja wohl in unseren kümmerlichen Tagen üblich. Nun, Reifenberg nimmt seit Jahrzehnten unaufhörlich und mit nie ermüdender Gewissenhaftigkeit politisch Stellung, er bewältigt damit eine drückende Pflicht. Denn, was wäre gewonnen, wenn er und seinesgleichen, die wahrlich "Besseres" zu tun haben, hochmütig schwiegen! Gibt es etwas "Besseres" als die Bemühung um eine öffentliche Form des menschlichen Zusammenlebens, um Anstand und Duldsamkeit? Man lehrt die Nachfahren, von der "Welt des Schönen" gering zu denken, aber man hat vergessen, daß in der "Gewalt der Schönheit" – so heißt das Schlußkapitel des Buches – das Element der Furchtlosigkeit enthalten ist. "Bar aller Furcht", so stehen die unsterblichen Gebilde heute noch vor uns, und so lernen wir von ihnen, daß die Furcht der Anfang aller Gewalttaten ist und den Menschen für die Ausübung wie für die Hinnahme der Gewalt gleich empfänglich macht. Benno Reifenberg geht noch weiter und sagt: "Das Zarte ist mächtiger als die Gewalt."

In manchen Stücken dieses Buches spricht der Verfasser von sich selbst als dem "Maler". Diese leichte Verkleidung erlaubt einer scheuen Natur, unbefangener von sich zu sprechen, aber sie bezeichnet auch das Verhalten des Schreibenden der Welt gegenüber. Nicht nur, daß er sich gern des Zeichenstiftes oder Pinsels bedient, wenn er "das männliche Glück, ohne Ziel zu gehen", genießt, nein, er begreift das Zeichnen als den "Beginn der Mitteilung überhaupt", wenn nicht gar als eine Stufe des Erkennens, die von vornherein jede Zweideutigkeit ausschließt. Es ist, wie er von Goethes Zeichnungen sagt, "eine wunderbare Art, nichts zu wünschen", die ein wenig Licht auf das unerschütterliche Gleichgewicht dieses Buches wirft und erklären mag, warum sich nicht ein einziger unklarer oder auch nur unvollkommener Satz in ihm befindet. "Der Maler" ist kein Maler, sondern ein Dichter, der es liebt, sich hinter der Macht der angeschauten Natur zu verbergen und der Landschaft gleichsam den Vortritt zu geben. Es ist ein Auge, das nicht nur den Schönheiten der Landschaft, sondern noch mehr ihren Gesetzen folgt, den Gang des Gebirges nach der Richtung der Wasserläufe ermißt und von den Tälern weiß, wo sie beginnen und enden. So entsteht eine nachschaffende Geographie der alten Schlachtfelder, die er mit dem toten Bruder am Faden des Geländes und des Erlebnisses durchwandert, so dieser ganze Lebenshintergrund, der zugleich Inhalt ist: "... grauer, grausamer Stein, letzte Fichten an der Baumgrenze, letzte Freunde der Menschen, behütete Dörfer, holzfeuergewürzt, Wälder, von Anemonen und Schneeglöckchen durchjubelt... Die Oliven von Malcesine, uraltes zerklüftetes Holzgerank, die Zypressen nördlich von Verona, schwarze, feierliche Denkmäler im harten Sonnenlicht, und dann die wiedergefundenen, wiederzuliebenden Pappeln und Weiden am Rhein, das Schilf hinter der Insel von Eltville, die Kastanien am Südhang des Taunus."

"Lichte Schatten", mit diesem Titel ist angedeutet, wie wenig das Werk der Augen von dem moralischen Verhalten zu trennen ist. Nichts kann in einfaches Schwarz-Weiß zerfallen, weder das Angeschaute noch das Erlebte und Gedachte. In der Dunkelheit ist schon das Licht enthalten, wie in der Trauer der Trost. Die Zeit mit ihrem stumpfen Entweder-Oder stockt beschämt an der Schwelle eines Reichtums, den sie kleinmütig aus der Hand gegeben hat. Was ist denn dieser Reichtum anderes als das ständig wachgehaltene Bewußtsein von der Heiligkeit des Lebendigen, gegen die zu freveln unser Schicksal geworden ist! Hier bietet ein großer Schriftsteller uns die Hand, um uns ins Freie zu führen und bietet uns an, "das höchste Staunen vor den Gestalten der Natur, vor der reinen Figur des Humanen" mit ihm zu teilen. Es ist ein ernstes Angebot, beladen mit Besinnung und Mahnungen, aber es erfolgt im Zeichen der erlaubtesten Verführung, die sich denken läßt, nämlich getragen von einer Lebensmelodie, die bezaubernd in unser Herz dringt, von einer Harmonie der Sprache, die auch das Schwerste für die kurze Minute der Überredung zum Guten federleicht erscheinen läßt. Das Staunen jenes Kameraden, der im Geschützdonner den hellen, unbeirrbaren Vogelruf vernahm, wiederholt sich in uns, der Schritt stolpert noch auf verholztem Pfad, aber das Ohr, vom Lärm betäubt, hört die Melodie "halb ungläubig, halb beglückt". Wir glauben den Ton zu erkennen und rufen: "Mensch, ’ne Lerche!"