Wenn die oHV am 21. Dezember die Verwaltungsvorschläge der Otto-Wolff-Gruppe genehmigt, dann hat auch dieses Unternehmen der westdeutschen Montanindustrie den äußeren – von den Alliierten erzwungenen – Rahmen gefunden, um sich mit Energie dem Produzieren und der Kostensenkung zu widmen. Trotz der Entflechtungsmisere wurden in den vergangenen Jahren umfassende technische Verbesserungen eingeführt und neue wirtschaftliche Entwicklungen beachtet, so daß 1954 die Werke der Gruppe auf einer völlig neuen Fertigungsbasis arbeiten.

Zunächst einmal sollen die oHV der Verwaltungs-Holding, der Eisen- und Hüttenwerke AG‚ Köln, und die oHV’s der zu 100 v. H. zur EHW gehörenden Stahl-und Walzwerke Rasselstein / Andernach AG‚ Neunried, und der ausgegliederten und nunmehr selbständigen Stahlwerke Bochum AG, Bochum, die rückständigen Bilanzen bis zum 30. September 1951, die Neuordnung und die Kapitalfestsetzung genehmigen bzw. zur Kenntnis nehmen. Das neue AK von EHW beträgt 39,6 Mill. DM, von Stahlwerke Bochum 24,2 Mill. DM, so daß dem 44 Mill. RM Alt-Kapital63,8 Mill. DM neues AK gegenübersteht. alte EHW-Aktie kommen also 900 DM neueEHW-Aktienund 550 DM neue Stahlwerke Bochum-Aktien, zusammen 1450 DM; mithin ist das Umtauschverhältnis 1 : 1,45. Das AK von Rasselstein/Andernach ist auf 27 Mill. DM festgesetzt worden.

Die Otto Wolff Handelsgesellschaft hat ihrerseits 76 v. H. der EHW-Aktien. Im Zuge der Neuordnung ist vorgesehen, daß die Firma Otto Wolff an die außenstehenden EHW-Aktionäre ein Angebot machen wird, ihre Aktien gegen Aktien der Stahlwerke Bochum AG zu tauschen, da sich Otto Wolff vom Aktienbesitz an Bochum trennen muß. Zur Stunde aber kann ein Umtauschangebot noch nicht abgegeben werden, weil eine sehr wesentliche Beteiligung, nämlich die 50 v. H. an den 50 Mill. RM AK der Neunkircher Eisenwerk AG vormals Gebrüder Stumm, Neunkirchen / Saar, wegen der unübersichtlichen Verhältnisse in der Saarfrage nicht bewertet werden kann.

Wenn auch die freien Aktionäre es schmerzlich empfinden werden, daß trotz der guten Ertragslage der Produktionsbetriebe und des an sich vorhandenen Reingewinns weder bei EHW noch bei Bochum Dividenden bis 1952/53 zur Verteilung kommen werden, so dürfte dieser Schmerz gelindert werden einmal angesichts des wider Erwarten höheren Umtausch-Angeboten, zum anderen wegen der vorzüglichen neuen maschinellen Fundamente der Produktionsbetriebe.

In einem Gespräch mit Otto Wolff von Amerongen war zu hören, daß in Bochum das Fabrikationsprogramm ganz auf Edelstähle und Feinbleche umgestellt werden wird und das Werk Rasselstein im wesentlichen auf – Kaltbandwalzung ausgerichtet wurde. Er habe den Entschluß,zur Umstellung auf Kaltband als erster in Deutschland vor Jahren, gefaßt und zugleich mit dem französischen Stahlkonzern SOLLAC, aber auch mit luxemburgischen, belgischen und deutschen Hütten langfristige Lieferverträge zur Anlieferung von Warmbandmaterial abgeschlossen. "Ich sehe in der Kaltwalzung die größere Wettbewerbsfähigkeit, niedrigere Kosten undhöhere Qualitäten liegen. In Amerika ist bereits weitgehend die Verlagerung vom Warm- zum Kaltwalzen erfolgt. Bezüglich der Anlieferung des Vormaterials, nämlich Warmband, habe ich keine Sorgen, auch preislich nicht. Um uns herum stehen im Montan-Unionraum viele neue Warmbandstraßen oder sind noch im Bau. Ich glaube nicht, daß es preislich zu unangenehmen Überraschungen für den Weiterverarbeiter kommen wird. Wannband wird eines Tages genau so zu einemVorprodukt oder Halbzeug für die Montanwirtschaft werden, wie es jetzt, Knüppel und Platinen sind."

Diese Ausführungen klingen sehr zukunftssicher und werdenin der Montanwirtschaft des Unionraums ein lebhaftes Echo finden. Wenn man bedenkt, daß die Otto-Wolff-Gruppe im Grunde genommen ein Handelsunternehmen ist, dann darf an diesem Beispiel gesagt werden, daß neue und bahnbrechende Impulse zur Modernisierung der westdeutschen Stahlfertigung nicht immer nur vom traditionellen Eisenhüttenmann ausgehen, sondern auch vom Eisenhandel. Es darf vielleicht sogar noch ein weiteres gesagt werden: im Falle Otto Wolff-Gruppe verfügt die deutsche Montanwirtschaft noch über einen echten Eigentümer-Unternehmer mit persönlicher Initiative und weltweitem Blick.

Zur augenblicklichen Marktlage war etwas sehr Erfreuliches zu hören: der Auftragseingang an Feinblechen ist im November wider Erwarten um 20 v. H. gegenüber Oktober gestiegen. Die Blechwerke von Otto Wolff laufen daher "mehr als voll", wobei der Auftragseingang in etwa der Produktion entspricht. Dieses Anspringen im Auftragseingang wurde auch bei Otto Wolff als unerwartet bezeichnet. Es dürfte daraus geschlossen werden, daß bei den Hauptgruppen der Blechverarbeiten, z. B. beim Autobau, die Lagervorräte auf einen normalen Stand zusammengeschrumpft sind und nunmehr wieder die regulären Eindeckungen bei der Produktion erfolgen müssen. Rlt.