Randolph Churchill, der Sohn des britischen Premiers, steht unter Anklage; Klägerin ist Ursula Bloom, eine bekannte Romanschriftstellerin und Mitarbeiterin des Sonntagsblattes Sunday Dispatch. Grund der Klage: Churchill junior hat in der Zeitung The Recorder eine scharfe Kritik an Miß Blooms neuem Fortsetzungsroman geübt. Titel des Romans: "Hitlers Eva" ...

Freilich –: das hat man oft gehört, daß Menschen, die wider Willen zum Romanhelden wurden, den Autor verklagten. Daß jedoch ein Autor den Kritiker seines Werkes gerichtlich belangt, verstößt gegen die Spielregeln. Oder hätte Mister Churchill in seinem heiligen Zorn bedenken sollen, daß man einer Lady Zugeständnisse machen muß? Miß Bloom hingegen hat offenbar vergessen, daß sie außer einer Dame auch noch eine Autorin ist, und daß Autoren – ob männlichen oder weiblichen Geschlechts – sich Kritik gefallen lassen müssen.

Auch ich, ein deutscher Leser englischer Zeitungen im Freistaat Irland, hatte mich – gelinde ausgedrückt – gewundert, als der Roman "Hitlers Eva" im Sunday Dispatch erschien. Man stelle sich einmal vor, daß in Deutschland ein ähnlicher Roman herauskäme, mit Photographien illustriert, die auf den Geburtstagstisch eines Ortsgruppenleiters gepaßt hätten! Man stelle sich einmal das Echo des Auslandes vor! Nun war es einer Engländerin vorbehalten, einen "historischen" Liebesroman um die tragische Zuneigung einer einfachen Maid von der Alm zu schreiben: sie heißt Eva, und er, ein politischer Abenteurer, heißt Adolf. Den Hintergrund bilden die politischen Ereignisse der Jahre 1933 bis 1945. Ein so peinliches Thema mit einem so heiklen Hintergrund könnte vielleicht ein geistvoller Satiriker bewältigen. Miß Bloom aber hat weder Geist noch Witz. Sie hat sich ganz einfach an diesem gefährlichen Thema die Finger verbrannt; sie verfügt über ein romantisches Gemüt. So erleben wir denn Hitler und sein Evchen endlich einmal intim, und darauf haben wir gerade gewartet! Wir erfahren, wie Hitler, von Eva bezirzt, lange erwägt, sich von seinem anstrengenden Beruf als Führer zurückzuziehen, um in der bayrischen Alp eine Familie zu gründen, Hunde zu züchten und Blumen zu pflanzen. Hätte er es doch getan! Leider beschloß er, weiterhin Führer zu bleiben, weil er sich mit Eva nicht einigen konnte, wer das Erbe des Reiches antreten sollte: Göring oder Bormann ...

Ehedem fiel es uns schwer, uns den "Führer" im Pyjama vorzustellen; hier hat Miß Blooms Phantasie uns geholfen. Sie erzählt, daß Adolf sage und schreibe ein großes Hakenkreuz auf der Pyjamajacke trug. Vielleicht hat Miß Bloom sogar recht? Andererseits sind Witzbolde geneigt, anzunehmen, er hätte nie Pyjamas getragen, sondern auch nachts sein Machthemd (mit M) anbehalten.

Vielleicht ist eins an der ganzen Sache doch interessant, vom massenpsychologischen Standpunkt aus gesehen –: Das Buch spiegelt das Bedürfnis des Durchschnittsengländers wider, auch dem feindlichen Element, dem unverständlichen Ereignis Verständnis und Nachsicht entgegenzubringen, das Unmenschliche menschlich zu erhellen, dem Bösen, nachdem es besiegt ist, Zugeständnisse zu machen. Das Buch reflektiert einen typischen Zug des Engländers, der viel sentimentaler ist, als er sich gibt: er will auch seinem Feinde anständig entgegentreten. Daran wäre an sich nichts auszusetzen, wenn das Buch diesen Dienst wirklich leisten würde. Mir scheint jedoch, daß mit solchen Büchern niemandem ein Dienst erwiesen wird, außer jener weltfeindlichen Macht, die Geschmacklosigkeit heißt. R.