Auf Antrag des französischen Staatsanwalts verurteilte die Zollstrafkammer Saarbrücken den saarländischen Politiker Dr. Walter Bruch zu der phantastischen Strafe von fünf Millionen Francs sowie einem Tag Gefängnis mit fünf Jahren Bewährungsfrist, weil er am 6. August 1953 zwei gebrauchte Gummimatrizen an der Grenze nicht deklariert habe. Der Betrag entspricht etwa 50 000,– DM. Die Matrizen hatten einen Materialwert von zehn Pfennigen.

Dieser Spruch stellt selbst im Rahmen des rechtlosen Saarregimes eine Ungeheuerlichkeit dar. Die Matrizen, ein Flugblatt der "Deutschen Aktion Saar" des Prinzen Hubertus zu Löwenstein, das die Unterdrückung der Grundrechte für nichtig erklärte, weil die Saar ein Teil Deutschlands sei, waren der Regierung ein Ärgernis. Dr. Bruch, einem hochangesehenen Manne, Mitbegründer der im Saargebiet sogleich verbotenen CDU, wurde ein politisches Verfahren angehängt. Aber selbst in Saarbrücken scheint man vergeblich nach einem Paragraphen zu suchen, wonach der Besitz eines solchen Flugblattes strafbar wäre.

Das ist der Grund, warum man den französischen Staatsanwalt für ein Zollverfahren in Bewegung setzte. Auch das Gericht erwies sich als willfährig. Es sei bereits ein Verfahren anhängig, also dürfe man kein zweites eröffnen, wendete die Verteidigung ohne jeden Erfolg ein. Auch sei die Flugblattmatrize keine Handelsware und praktisch ohne Wert. Man brauche sich nur einen Waggon voll vorzustellen, entgegnete der Richter zynisch, der wäre etwas wert. Daß man nach diesem Grundsatz jedes Mitnehmen einer Zeitung oder eines Briefes als Zollvergehen ahnden könnte, ließ ihn unbewegt Auch der Prüfung des Einwurfs, es sei nicht verboten, bearbeitetes Gummi einzuführen, überhob er sich.

Der Verteidiger, Dr. Biel aus Berlin, sagte es klar heraus: "Was hier geschieht, ist ein Mißbrauch technischer Zollgesetze für politische Zwecke, um die Freiheitsrechte zu zerstören und aus einer etwaigen ‚Europäisierung‘ von vornherein eine Farce zu machen." Weil man einem unbequemen Manne nichts anhaben konnte, will man ihn wirtschaftlich ruinieren. Man kennt das Verfahren aus den Sowjetrepubliken. Dort findet sich auch das Vorbild für Verfassungen, die auf dem Papier gerade so schön aussehen, wie die saarländische. Nur wirksam sind sie leider nicht, und da allerdings hat man die Bolschewiken an Findigkeit noch übertrumpft: an der Saar nämlich kann man, Verfassung hin, Verfassung her, beschlagnahmen, haussuchen und verhaften: nach Herzenslust, weil das ganze Land bis auf einen kleinen Zipfel – französisches Zollgrenzgebiet ist! v. Z.