In Ergänzung unseres in Nr. 43 veröffentlichten Beitrages "Kanada ist ein schwerer Markt", der im Anschluß an die diesjährige Toronto-Messe die Chancen des deutschen Kanadahandels sehr kritisch betrachtete und vor "Illusionen" warnte, veröffentlichen wir nachstehend aus berufener Feder einen weiteren Beitrag zu diesem Thema. Der Verfasser kommt auf Grund seiner Erfahrungen zu einer wesentlich günstigeren Prognose.

R. W., Toronto, im Dezember

Wer wie der deutsche Exporteur erhebliche Teile seiner alten Märkte verloren hat, muß sich die ihm offenen Märkte nicht nur auf die Möglichkeiten eines raschen Zufallsgeschäfts ansehen. Er darf sich nicht durch steile Erfolgskurven im Handel mit traditionell devisenknappen Ländern in Südamerika und anderwärts darüber täuschen lassen, daß es auf die Dauer doch lohnender ist, daneben diejenigen Märkte zu erschließen, in denen das Geld sitzt und zu einem großen Teil im Außenhandel umgesetzt wird, im Verdienst aus Exporten wie bei der Versorgung.

Im Umfang des Außenhandels, nicht in der Bevölkerungszahl, liegt der Schlüssel für die Beurteilung eines Marktes. Kanadas Außenhandel liegt im Gesamtwert auf dem dritten Platz der Größenskala des Welthandels, nach den USA und nach Großbritannien, vor Frankreich und Deutschland. Ein Volk, das jährlich weit über 4 Mrd. $ für seine Importe ausgibt, ein Volk, dessen gesamtes Einkommen jährlich um etwa 12 v. H. steigt und gegenwärtig bei 23 Mrd. $ liegt, ein Volk, dessen Bevölkerung durch intensive Einwanderung und durch stetigen Geburtenüberschuß jährlich um mindestens 300 000 Menschen wächst, ein solches Volk hat einen so großen Bedarf, daß aus eben diesem Grunde sich viele Länder bemühen, ihm die Wünsche vom Munde abzulesen.

Soll also ausgerechnet der deutsche Exporteur sich von Kanada abwenden wie der Fuchs von den angeblich sauren Trauben? Gewiß, die Einwanderung nach Kanada hängt weitgehend mit der Industrialisierung zusammen. Die Einfuhr aber auch! Denn Kanada baut in einem derartigen Umfang Bergwerke, Ölquellen, Aluminiumwerke, Ölleitungen, Kraftwerke, Ölraffinerien, Verkehrswege, also Grundindustrien auf und aus, daß für mehrere Jahrzehnte der Maschinenbau und Zulieferdienst für diese Rohstofferschließung nur zum kleineren Teil im Inland geschehen kann. Deutsche Maschinen und Großwerkzeuge haben also eine ganz erheblich ins Gewicht fallende Chance ...

Ebensowenig ist dem Ortskundigen der Pessimismus verständlich, der keine Hoffnungen für erhöhte deutsche Exportmöglichkeiten an Konsumgütern gelten lassen will. Haben wir zunächst auf den Fehlschluß hinweisen müssen, daß es nicht auf die Kopfzahl, sondern auf den Inhalt der Geldbörse ankommt, so scheint es hier erforderlich, vor einer zu stationären Beurteilung des möglichen Handelsvolumens zu warnen. Der Kanadier fängt gerade erst an, sich seines Reichtums bewußt zu werden und zu bemerken, daß man sich für gutes Geld sehr gute Dinge leisten kann. Für Porzellan, für feine Lederwaren, für elegante Moden einschließlich der vielen modischen Kleinigkeiten, also für viele "Annehmlichkeiten" des Lebens, beginnt in Kanada gerade erst das Interesse. Was schwedische Gläser und Möbel, italienische Keramik oder Schweizer Seidenwaren erreicht haben, nämlich ihre nichtige Rolle in einem neuen kanadischen Lebensstil anzumelden, das sollte für deutsche Spezialleistungen ebenfalls in diesem Zeitpunkt möglich sein, in dem der kanadische Zivilisationsacker neu und tiefer gepflügt wird.

Wer es dabei versteht, eine individuelle, von den USA-Klängen abweichende Note in den kanadischen Lebensstil hineinzutragen, der wird, nach Anfangsschwierigkeiten, gerade hier einen wichtigen Pluspunkt buchen können. Denn nur wenige Kanadier werden mit der Feststellung übereinstimmen, daß die USA "der in jeder Beziehung naturgegebene und vollkommene Handelspartner Kanadas" seien. Wirtschaftlich und handelspolitisch betrachtet man es ganz im Gegenteil als einen Nachteil für Kanada, daß rund zwei Drittel des Außenhandels mit den USA erfolgen, und dieses Argument wird von vielen Franko-Kanadiern zur Richtschnur ihres gesamten wirtschaftlichen Verhaltens, wird ergänzt durch gewisse anti-britische Ressentiments. Gewiß wird es schwer sein, den Amerikanern viel von ihrem bisherigen Geschäft abzujagen. Aber der Import Kanadas wird stets und ständig aufgestockt – und so ziemlich jeder Kanadier aus der Schicht, die meinungs- und geschmacksbildend ist, sehnt sich nach mehr Abwechslung, und größerer Unabhängigkeit von den USA. Kanada will selbständig sein –, nicht nur politisch als Mittler zwischen USA und Europa, sondern auch in seinem Lebensstil, der wohl die Bequemlichkeiten der nordamerikanischen Zivilisation einschließen, jedoch nicht bei der Uniformität dieser mechanisierten Zivilisation haltmachen soll.