J. H., Paris, im Dezember

Die Krise, in der sich die französische Wirtschaft seit dem Pinay-Experiment befindet, wird nun langsam überwunden. Allerdings ist der Produktionsindex von März 1952 (dem Beginn des Experimentes), der die Ziffer 151 auswies (Indexbasis 100 für 1938) noch lange nicht erreicht, doch zeigen verschiedene Symptome an, daß der Tiefpunkt der Krise überschritten ist.

Auf dem Arbeitsmarkt ist eine Entlastung festzustellen. Die Zahl der Vollarbeitslosen girg von 120 000 auf 70 000 zurück, die wöchentliche Arbeitszeit, die zu Jahresbeginn durchschnittlich 44 Stunden betrug, ist auf 45 Stunden gestiegen. In der Textilindustrie ist die Stagnation überwunden, die Exporte der Wollindustrie haben stark zugenommen, Webereien und Wirkereien haben für Monate hinaus einen guten Auftragsbestand, und die Produktion der Wollstoffindustrie ist allein schon durch das Abkommen mit der UdSSR, das die Lieferung von 850 000 m Wollstoffe vorsieht, für die nächste Zeit gesichert. Auch in der Papierindustrie wird eine erhöhte Nachfrage aus dem Inland festgestellt, wobei die Fabriken allerdings Schwierigkeiten in der Rohstoffversorgung zu überwinden haben. Die Großhandelsgeschäfte veisen steigende Umsatzziffern aus, in der Stahlindustrie ebenso wie in der Industrie für Werkzeugmaschinen wurden nach den Auguststreiks große Bestellungen verzeichnet. Die medianische Industrie sowie die Gesellschaften für Öffentliche Arbeiten erhielten mehrere bedeutende Aufträge für das Ausland. Auch in der Industrie für elektrische Apparate ist eine günstige Entwicklung zu beobachten.

Aber all diese Bestellungen wurden nur erreicht, weil besonders günstige Preis- und Zahlungsbedingungen geboten wurden. Die Preisfrage spielt nach wie vor eine große Rolle. In diesem Zusammenhang soll vermerkt werden, daß wieder Abwertungsgerüchte im Umlauf sind. Es steht fest, daß die "Commission des Comptes et Depenses de la Nation von Ministerpräsident Laniel den Auftrag erhielt, zu untersuchen, welche wirtschaftlichen und finanziellen Folgen eine eventuelle Abwertung haben würde. Im Finanzministerium ist zu Beginn des gegenwärtigen Wirtschaftsexperiments erklärt worden, eine Wertangleichung des Franc hätte während der Inflationspsychose keine dauerhafte Wirkung und würde lediglich zu weiterer Preishausse und verstärkter Inflation führen. Nur wenn das Vertrauen zur Wirtschaft wieder hergestellt sei und die latente Inflation als überwunden betrachtet werden kann, würde eine Abwertung zur Konsolidierung beitragen.

Nun besteht einerseits kein Zweifel, daß der Franc stark überbewertet ist, andererseits aber hat das Experiment Laniels doch dazu beigetragen, die Haussepsychose einzudämmen und das Vertrauen zu stärken. Als treffender Beweis für die Situation ist die Entwicklung auf dem freien Goldmarkt in Paris anzusehen: in der ersten Mai-Woche ist für das 20 Franc-Goldstück der Betrag von 3880 ffrs. bezahlt worden und für das Kilogramm Barrengold 510 000 ffrs. Das 20 Franc-Goldstück ist gegenwärtig auf den Kurs von 3600 ffrs. angelangt und das Kilogramm Gold auf 465 000 ffrs. Der USA-$ war zum gleichen Zeitpunkt auf dem Nebenmarkt mit 418 ffrs. bezahlt worden und notiert gegenwärtig 393 ffrs. Während in den letzten Jahren nach der Heimkehr der Touristen im Herbst immer noch ein Preisauftrieb für Gold und harte Devisen festzustellen war, behauptet sich der französische Franc sowohl im Inland als auch auf den ausländischen Börsen gut, ein Beweis dafür, daß die Entwicklung der Lage nicht ungünstig ist. Es könnte also sehr wohl sein, daß man sich zu einer Wertangleichung des Franc entschließt, der die Preisprobleme des Außenhandels lösen und eine Konkurrenz auf den internationalen Märkten erleichtern würde.