Es kann nicht sehr schwierig sein, Schiller zu inszenieren – das dachte der Rezensent, als er das Junge Theater in Hamburg verließ, wo man drei kleine Stücke gespielt hatte, die sich durch ihre poetische Einfalt nicht nur der intellektuellen, sondern gerade auch der szenischen Deutung widersetzen. "Liebe,und wie man sie heilt", ist ein Sketch mit Pistole und sonstigen großen Gefühlen – und es ist Kitsch, sowie es gefühlvoll gespielt wird. Im "Schlafwagen Pegasus" reisen einige Leutchen von New York nach Chikago, so wie unsereins von Hamburg nach München, durch eine Welt, von deren Wirklichkeit sie nur winzige Bruchteile wahrnehmen, wie sie denn auch anders leben, als sie in Wirklichkeit sind: in Wahrheit sind sie Kinder Gottes, im eigenen Bewußtsein leben sie als "eine angehende alte Jungfer", als "ein Arzt", als "Techniker Bill" – aber ein Theaterstück, in dem die Akteure, anstatt sich gegenseitig oder selbst zu erdolchen, in Schlaf und Traum versinken, wie soll man das spielen, ohne das Publikum in denselben Zustand zu versetzen? Und im "Langen Weihnachtsmahl" hinterläßt das Schicksal dreier Generationen nichts weiter als die Grundstimmung: traurig und öd und schön ist die Zeit unseres Lebens –, und allenfalls noch die heimliche Frage, was wir denn tun und unterlassen in dieser unserer Zeit – aber neunzig Jahre in knapp einer Stunde: das ist zuviel für die Bühne, und deshalb antitheatralisch.

Das Sein im Leben sichtbar zu machen – das könnten wir als des Autors Absicht begreifen. Innerstes durch Äußerstes abzubilden – also in jener Zone zu agieren, wo die Extreme einander berühren, wo die Banalität schon umschlägt in die Lebensessenz – das war nur auf der Bühne zu erproben, und zwar mit vorwiegend jungen Kräften, denen einerseits schon die Unschuld geraubt, aber anderseits noch nicht vergönnt war, zum zweiten Male vom Baum der Erkenntnis zu essen, worüber Kleist sich im "Marionettentheater" unvergleichlich schön verbreitert hat. Zur naturalistischen Verhaltensweise einerseits, zur pathetischen andererseits tendierten diese Schauspieler oft, so daß von der Regie her nicht nur die Sprödigkeit des Werkes, sondern auch die der Akteure zu bändigen war eine fast unlösbare Aufgabe. Selbst für Frau Mirjam Ziegel-Horwitz, zumal sie ganz vom anderen Extrem zu Wilder kommt: vor 25 Jahren hat sie Bruckners "Krankheit der Jugend" inszeniert, Das spürte man hier noch durch, und zwar gerade bei der disziplinierten Inge Stehen, die nie aus ihrer Rolle fiel, so daß an ihr die Auffassung der Regie genau abzulesen war. Aber wie denn sonst wäre zu inszenieren gewesen? Noch weniger Natur? Schlitten es nicht sowieso schon mitunter an jenen Symbolismus heran, den Wilder so ganz und gar nicht meint? Noch weniger Mimik und Gestik? Dann sitzen wir nicht mehr im Theater, sondern im Vortragssaal! Ja, wie sonst?

Der Rezensent gesteht, darauf keine Antwort zu wissen. Und je länger er darüber, brütet, desto mehr kommt ihm vor, daß die Leistung größer war als der Schein, der bekanntlich oft trügt. Nicht der Effekt, sondern wie einer mit den Gegebenheiten fertig wird – das gibt zu denken, und das sei hier gerühmt. h. e.