Ob wohl die fünf Männer, die sich an jenem eisigen Dezembermorgen gerade vor fünfzig Jahren auf dem Feld von Kill-Devill-Hill in den Sanddünen von Kitty Hawk (Nordkarolina/USA) eingefunden hatten, um den Flugversuchen der Brüder Wilbur und Orville Wright beizuwohnen, die Bedeutung der Stunde erkannt haben? Man darf es bezweifeln. Da waren zwei einfache Farmer aus der näheren Umgebung des Flugplatzes und die drei Mitglieder der Kill-Devill-Seenotstation. Und vor ihren Augen vollzog sich das Ereignis, das dazu bestimmt war, dem Jahrhundert seinen Stil zu geben. Anderen Tages stand in der Heimatzeitung von Dayton (Ohio), im Dayton Journal, nur eine kleine Notiz über den geglückten Flugversuch, doch kein, Wort der Freude darüber, daß endlich der alte Menschheitstraum vom Fliegen in Erfüllung gegangen war. Der Bericht über die regelmäßige Wochenversammlung des "Vereinigten Handelsrates" und die Meldung, daß ein Farbiger namens Charles Brown einen Taschendiebstahl eingestanden hätte, ferner die Nachricht über die Entlassung eines Räubers aus dem Joliet-Gefängnis schienen desto wichtiger. Dabei waren Wilbur und Orville Wright die Söhne des beliebten Bischofs, und schon aus diesem Grunde hätte ihre Tat doch recht wohl ein wenig mehr Aufmerksamkeit verdient...

Die vier an diesem 17. Dezember 1903 ausgeführten Flüge waren die ersten in der Weltgeschichte, bei denen eine bemannte Maschine sich aus eigener Kraft in vollem Fluge in die Luft erhoben und ohne Geschwindigkeitsverlust vorwärts bewegt hatte. Der erste "Hopser", den Orville ausführte, dauerte nur zwölf Sekunden und trug ihn 53 Meter weit. Dann war Wilbur an der Reihe. Er schaffte eine Sekunde mehr und ließ sich wieder von seinem Bruder ablösen, der es schon auf 15 Sekunden brachte. Der vierte und letzte Versuch dieses Tages endete mit der grandiosen Leistung von 59 Sekunden und 260 Metern!

Damit war der Bann einmal und endlich gebrochen. Wenige Jahre später und das Fliegen war keine Sensation mehr; der Kampf um die Vorherrschaft in der Luft begann.

Es wäre falsch, wollte man behaupten, daß nur die beiden Amerikaner zu ihrer Zeit an dem großen Werk gearbeitet hätten. In Europa war Lilienthal, dessen Versuche und Veröffentlichungen über die Flugkunst die Brüder Wright vornehmlich inspiriert hatten, nicht vergessen. In allen Ländern Europas regte sich das Interesse, als die Wrights kamen und vor allem in Frankreich zeigten, was sie konnten, Die Franzosen hatten sich schon unabhängig von den Amerikanern mit dem Problem beschäftigt. Als nun gar erst die ersten fliegenden Menschen ihren Besuch abstatteten, kannte die, Begeisterung keine Grenzen mehr. Vom Volk der Franzosen ging dann der große Auftrieb aus, der dem Fliegen zum endgültigen Siege verhalf.

Es ist ein stürmischer Weg, der in den vergangenen 50 Jahren zurückgelegt wurde. Mit einem 12-PS-Motor fing es an, 53 Meter betrug die erste durchflogene Strecke, und die Geschwindigkeit darf man höchstens mit 48 Stundenkilometer annehmen, Von der erreichten Höhe schweigt man besser ganz, Und heute? Der Amerikaner Bill Bridgeman hat, wenn auch zunächst nur für drei bis vier Minuten, schon eine Geschwindigkeit von 3200 Stundenkilometern erreicht. Bereits 1949 flog ein amerikanisches Militärflugzeug in 94 Stunden ohne Zwischenlandung etwa 37 500 km rund um die Erde, und Reiseflugzeuge gehen heute bereits auf eine Höhe von über 10 000 Meter. Die Motorenstärke ist einfach phantastisch zu nennen. Und was wird die Zukunft uns noch bringen?

Wird vielleicht sogar der reine Muskelflug Wirklichkeit werden? Er ist das Ziel aller Fliegerei. Er ist aber auch das einzige fliegerische Problem, das bislang nicht gelöst wurde. Zu Zeiten der Wrights, da die Welt noch nicht an ihre Arbeit und ihre Erfolge glauben wollte, war dies ein gern gebrauchtes Wort: "Gott hat den Menschen nicht zum Fliegen bestimmt, sonst hätte er ihm Flügel gegeben." Doch diese Flügel will sich der Mensch auch noch schaffen, um endlich den Vogelflug nachahmen zu können. Zoologen, Physiker, Physiologen, Wissenschaftler aller Art, Laien in großer Zahl, unsere begabtesten Flugzeugkonstrukteure beschäftigen sich mit dieser Frage; ja, manche wollen sogar über das Schwingenflugzeug hinaus dem Menschen selbst Schwingen schaffen, die er mit seinen Muskeln bewegen soll, um im Ruderflug in der Luft tummeln. Vorerst gilt noch Goethes Wort, der seinen "Faust" seufzen ließ: "Ach, zu des Geistes Flügeln wird so leicht kein körperlicher Flügel sich gesellen!" W. K.