Es war in Irland und im Jahre neunzehnhundertneun. Ich war Gast einer der ältesten Familien keltischen Ursprungs auf Schloß Carrignavare, einem Sitz der ehemaligen Könige von Irland. Es erschien mir jungem Ding ganz unwahrscheinlich, daß meine Freundin von diesen abstamme und daß ihr Stammbaum als der älteste Stammbaum der Welt im Britischen Museum hinge. Immerhin, es gab Schloßgeister, vor denen wir uns fürchteten. Kerzenlicht durchdrang matt die hohen Gemächer. Wir verkrochen uns hinter die schützenden Vorhänge des Bettbaldachins, wenn der Sturm über die Insel dahinfegte. Wir waren siebzehn Jahre alt – Geraldine und ich.

Wir ritten in roten Fräcken zu den Fuchsjagden. Wir saßen jeden Abend am Kamin, trugen tiefausgeschnittene Abendkleider und betrachteten strahlend unser Bild in den großen Spiegelwänden. Und eines Tages waren wir voll freudiger Erregung: König Edward VII. wird nach Irland, wird nach Dublin kommen, und wir werden Gäste des alten Hauses am Phönixpark sein. Sicher werden wir "Hurra, hurra, hurra" schreien, denn wir sind Protestanten. Aber schon damals wußten wir, daß es unter der Decke schwelte: das katholische Eire kämpfte um seine Freiheit. Seine Jugend wanderte, von der Not getrieben, in die Vereinigten Staaten aus. In New York gab es schon mehr Irländer als in Dublin selbst...

Wir kamen in diesem Sommer nach Chapelizod, zur "Kapelle der Isolde", vor den Toren Dublins gelegen, wo der Sage nach die Romanze von Tristan und Isolde spielte Unmittelbar hinter unserem Haus gelangten wir in den fünfzehn Morgen großen Phönixpark. Uralte Eichen, Ulmen und Ahornbäume. Am Parkrand verschiedene Schlößchen, vor allem das altmodisch-vornehme "Leinsterhaus", in dem der Vizekönig im Sommer lebte, und in dem der Herzog von Marlborough, Churchills Großvater, residiert hatte, und später auch der Vater Churchills.

Im Phönixpark sah Geraldine den erheblich älteren Winston Churchill. Er war mit einigen jungen Offizieren beim Polospiel und tummelte sehr elegant seinen grauen, wendigen arabischen Polopony. Ach, es war die "Welt von gestern", da die jungen Mädchen noch kicherten, erröteten und schwärmten. Vor allem, es war die Zeit der Heldenverehrung, und darum schwärmte Geraldine für Winston Churchill. – Und dann kam der große Tag. Es regnete, wie es in Irland fast täglich regnet: ein feiner kurzer Sprühregen, der wie ein Schleier vor der Sonne liegt und schnell vergeht. Wir standen auf einem kleinen Balkon in der St. Patrik Street, den winzigen Sonnenschirm über dem weißen, bandumränderten Matrosenhut aufgespannt, und sahen den König an uns vorbeifahren. In einer einfachen Equipage saß der massige alte Herr in Gehrock und Zylinder, und das Einglas hing ihm an einer feinen Schnur über der Brust. An seiner Seite saß Lord Reading, der Englands letzter Vizekönig in Irland sein sollte. Ein kleines Gefolge in Wagen, ein paar Soldaten zu Pferde schlossen sich an.

"Ich sehe ihn nicht", flüsterte Geraldine verzweifelt. "Du wirst ihn nachmittags treffen", tröstete ich.

Am Nachmittag standen wir jungen Mädchen im Zelt des Vizekönigs und hatten die Ehre, den hohen Gästen den Tee zu reichen. Wir trugen weiße, mit Valencienne-Spitzen besetzte Batistkleider, die bis auf unsere schwarzen Lackschuhe herabfielen. Auf unseren Locken thronte der große, schwarze Hut mit den wallenden Straußenfedern. Die Taille war besonders fest geschnürt... Ja, und da sah ich Winston Churchill. Ich ließ Garaldine den Vortritt, ihm den Tee zu reichen. Ich glaube kaum, daß die Erscheinung des untersetzten, rötlichblonden Mannes mich fasziniert hätte, wenn nicht... Nun, Winston Churchill war von Ruhm umwittert, und wie konnte dem ein junges Mädchenherz jener Tage widerstehen? Man wußte von seinen Kämpfen in Indien, im Sudan, in Südafrika, von seiner abenteuerlichen Flucht aus dem Gefangenenlager der Buren, von seiner großen Rede im Unterhaus für die Konservativen ... Noch heute, wenn ich Sir Winstons Name lese, sehe ich Churchill mit den Augen einer Siebzehnjährigen jener Tage. Das Gefüge des Empire erschien unerschütterlich, ebenso wie die Vormachtstellung Englands im Welthandel und seine Herrschaft auf dem Meere.

Kurze Zeit darauf starb der König. Die Krönung des Großvaters der jetzigen Königin Elizabeth, Georgs IV., fand mit allem Prunk eines Kaiserreichs, eines Weltreichs, statt. Der erste Weltkrieg brach aus. Die Welt von gestern versank.