Wenn Filmstars zur Party gehen Die unheimliche kalifornische Wüste

USA-Beobachtungen von Eka v. Merveldt

Los Angeles, im Dezember

Wenn wir Europäer Scheinwerfer am Nachthimmel kreisen sehen, kriechen uns böse Erinnerungen an. Aber diesmal schießt die Flak nicht, und so fällt es mir wieder ein: dies ist eine laue Winternacht am Jahresausgang 1953 in Kalifornien, und mein Begleiter macht mich darauf aufmerksam, daß sich freudige und glanzvolle Ereignisse in Los Angeles auf diese Weise ankündigen: durch Scheinwerfer. Ich bin auf dem Wege zu einem der wichtigsten Ereignisse der Filmmetropole: zu einer Premiere. Schon stundenlang vorher haben auf den schnell errichteten Tribünen am Straßenrande die Fans die Plätze besetzt. Weiß gekleidete Boys nehmen den Premierengästen die Autos ab und stellen sie irgendwo ab, und von den 50 eingeladenen Stars dürfen einige Auserwählte in Rundfunk- und Fernsehmikrophon ihre große Freude kundtun, bei diesem Ereignis dabei zu sein. Drinnen sind Aufregung und Glanz rasch vorbei, das Kino ist altmodisch und abgenutzt, die Sitze sind unbequem und so eng, daß die Damen sich bei den Nachbarn rechts und links entschuldigen, weil sie ihre Plätze und ihre Knie mit der Fülle ihrer Abendroben mitbelegen. Alle Gäste sind im Abendanzug gekommen. Auch die Glamourstars – ohne weiter aufzufallen oder beachtet zu werden – müssen geduldig warten, bis die Vorstellung beginnt.

Und nachher ist zu meiner Verwunderung sang- und klanglos schnell alles vorbei. Kein Vorhang weht hin und her; es gibt keine Blumen, keine Verbeugungen. Draußen in der dunklen Nacht stauen sich vor und hinter dem Kino die Wagen, und niemand der unruhig Suchenden beachtet die Stars, die nervös, hastig oder zornig im allgemeinen Chaos auf den Parkplätzen nach ihren Autos suchen.

Mehr Glamour, mehr "Angabe", mehr Eitelkeit kann man auf einer Coctail-Party in Los Angeles sehen, wo auch die politischen und diplomatischen gesellschaftlichen Ereignisse mit den "Assen" und den Hoffnungen der Hollywooder Ateliers geschmückt werden. Wie eifrig, wie begierig auch die jüngsten Starlets es lernen, die schönste Natur in maskenhafte Unnatur zu verwandeln! Und mit welcher einstudierten Nonchalance, Affektiertheit und Unbescheidenheit auch die kleinsten Sterne in großer Aufmachung herumfunkeln und umherstolzieren –: bis in die Haarspitzen erfüllt mit der eiskalten Absicht und glühenden Energie, aufzufallen, Arriviertheit vorzutäuschen, Karriere zu machen. Und wie schnell es sich lernt, prominent auszusehen! Unter den jüngsten Star-Anwärterinnen erschien auf einer dieser Parties die Hamburgerin Ursula Thieß, und auch sie fiel weder durch allzu große Bescheidenheit oder Natürlichkeit auf. Sie gehört zu den bei der Filmgesellschaft RKO auf Eis gelegten goldenen Sklavinnen des Multimillionärs Howard Hughes, der seine Geschäfte – außer mit Filmen – mit Flugzeugen, Raketen und Bier macht.

Eigentlich hätte für die Schönen dieses Abends, die so weite wippende Roben trugen, daß es ein Spaziergang für die Gäste war, um sie herumzugehen, Henry Koster, der mächtige, heiter-zynische Regisseur der 20. Century Fox, ein Angelpunkt sein können. Aber er sah all die Schönen nicht an. Er erklärte mir freudestrahlend die Vorzüge seines Topstars Marilyn Monroe, mit der er gerade seinen neuen Film probe. "Denken Sie –: unter dem Stapel Bücher, den sie neuerdings immer bei sich trägt, befindet sich auch Rilke", sagte er. Ein echter Hollywood-Titel: Rilke und die Vulgäre! Im übrigen war Henry Koster vollauf beschäftigt, seine eigene bildschöne Frau zu bewundern. Während er mir mit der Begeisterung des Entdeckers seinen Glauben an die Zukunft des neuen Mediums Cinemascope schildert, schob er mich fast unmerklich durch die Salons des Gastgebers, immer in der Richtung, in der seine Frau entschwand. "Sie ist so schön", sagt er mit Besitzerstolz. "Es passiert so viel in Hollywood..."