Kann die Position der Sowjetunion durch Anerkennung Maos geschwächt werden?

Staatssekretär Dulles erklärte vor Beginn der Bermuda – Konferenz, daß die Vereinigten Staaten "unter den gegenwärtigen Umständen" an eine Änderung ihrer Chinapolitik nicht denken könnten. Diese eindeutige Erklärung behält ihre Bedeutung auch für die Konferenz von Berlin. Die "besonderen Umstände", von denen Staatssekretär Dulles in diesem Zusammenhange spricht, werden außerhalb Amerikas meist als Umstände innerpolitischer Natur verstanden. Nichts aber ist schwerer und ärgerlicher, als einzusehen, daß die Weltmacht, von der man abhängt, auch ihre Innenpolitik hat.

Die öffentliche Meinung Europas ist geneigt, die Einstellung Amerikas China gegenüber zu bedauern. Es erscheint vielen so offenkundig als das einzig Richtige, Mao-tse-tung anzuerkennen und dadurch a) russische Zugeständnisse in Europa zu erkaufen, b) Rußland und China auseinander zu manövrieren. So einfach ist die Sache aber nicht. DieNichtanerkennung der Regierung Mao-tsetung in Amerika ist bi-partisan, also von beiden Parteien als Prinzip angenommen. Der amerikanische Kongreß hat sie einstimmig proklamiert. Als der Demokratenführer Stevenson von seiner Weltreise zurückkam, hat er sich im gleichen Sinne und noch schärfer geäußert, als jetzt Außenminister Dulles. Er hat Tschiangkaischek demonstrativ auf der Insel Formosa besucht und für das von ihm auf dieser Insel eingerichtete Regime Lobesworte gefunden, die auch der republikanische Vizepräsident Nixon bei seinem Besuch nicht überbieten konnte. Die amerikanischen Gewerkschaften, insbesondere die American Federation of Labour, hat sich zu wiederholten Malen in offiziellen Erklärungen und in ihren internationalen Presse-Aussendungen gegen eine Anerkennung Rotchinas ausgesprochen. Es gibt kaum eine Frage, in der solche herrscht, wie in dieser.

Nun kann man natürlich einwenden, daß es vom internationalen Standpunkt höchst bedauerlich ist, wenn der Staatsführung einer Weltmacht von einer geeinten innenpolitischen Front die Hände gefesselt sind. Ist es aber wirklich so, daß sich für die Entscheidung, Mao-tse-tung nicht anzuerkennen und seine Zulassung in die Uno mit allen (oder genauer gesagt mit fast allen) Mitteln zu verhindern, nur innerpolitische amerikanische Gründe ins Feld führen lassen?

Nirgens wird dieser Vorwurf den Amerikanern häufiger gemacht als in England. Dabei spricht gerade das englische Beispiel in amerikanischer Beurteilung nicht dafür, anzunehmen, daß die Anerkennung Maos das Allheilmittel sei. Mit einem gewissen Recht hat man gesagt, daß bisher zwar England Mao anerkannt habe, keineswegs aber Mao England. Seit Jahren sitzt ein englischer diplomatischer Agent "zur Vorbereitung normaler diplomatischer Beziehungen" in Peking, aber er könnte von der kommunistischen Regierung gar nicht vollkommender ignoriert werden, als dies geschieht und von der Entsendung eines chinesischen Gesandten nach London ist überhaupt nicht die Rede. Trotzdem hat England von dem gegenwärtigen Zustand handgreifliche Vorteile, aber sie sind durchaus nicht politischer oder gar weltpolitischer Natur, sondern sie bestehen in einer Gnadenfrist für Hongkong und in beträchtlichen Exporten, die nur durch diese Gnadenfrist möglich werden.

Formosa – der Schlüssel

Das ist für England auf jeden Fall ein gutes Geschäft, zumal keinerlei Preis dafür zu zahlen ist. Im Falle Amerikas lägen die Dinge ganz anders. Eine bloße Anerkennung hätte sicher keine andere Folge, als daß sich zu dem englischen diplomatischen Agenten, der mit kalten Füßen in Peking sitzt, ein amerikanischer mit noch kälteren gesellen würde. Noch wahrscheinlicher ist, daß entsprechende Anregungen aus Washington in Peking mit einem Hohnlachen quittiert würden, so wie dies geschah anläßlich der Pläne, Peking in den Sicherheitsrat der Uno einzuladen, aber nicht in die Vollversammlung, oder Mao einzuladen ohne Tschiang hinauszuwerfen.