Themen entstehen nicht nur im Kopf eines Künstlers: er findet sie bei den Nachbarn, bei den Mitmenschen, auf der Straße. Aber schon das rohe, vom Menschengeist noch ungeformte Thema hat spezifische Eigenarten: es kann sich um ein rein episches Thema handeln, das der Romancier zu seinem Glück aufgreifen kann, während es der Dramatiker verdürbe. Genau so gibt es optische Themen, deren sich am besten ein Maler – vielleicht aber auch ein Filmregisseur bemächtigen sollte. Im turbulenten Nachkriegseuropa sind die optischen Themen gewachsen. Kein Wunder also, daß es im Film zum Neo-Realismus kam, daß tüchtige und einfallsreiche Regisseure und Autoren ein gutes Stück der neuen Wirklichkeit besser einfangen konnten, als mancher Romancier oder Dramatiker. Die Welt ist in den letzten zehn Jahren bildhafter geworden – und mit ihr die Menschen; ihre Probleme sind optischer und auch ihre Auffassungsgabe.

Deshalb kommt den wenigen ernsthaft bemühten Filmen mehr Beachtung zu als zuvor. Vielleicht werden unsere Nachkommen später diese Streifen und nicht die Bücher, die jetzt erscheinen, als wahre Zeugnisse unseres Zeitalters festhalten.

Carol Reed ist einer der erstklassigen Regisseure, die es heute im europäischen Film gibt. Sein Streifen über den irischen Aufstand, der in Wirklichkeit das filmische Epos eines Freiheitskämpfers ohne Ausweg war, erregte Aufsehen der unerbittlichen Echtheit wegen, mit der die Situation eines Menschen geschildert wurde, der heute die Freiheit liebt. Dann drehte er zusammen mit Graham Greene den "Dritten Mann". Im Verein mit diesem modernen und allen verwickelten Bezügen des europäischen Kontinents so aufgeschlossenen englischen Schriftsteller gelang ihm ein seltener Treffer: mitten ins Schwarze der Vier-Sektoren-Stadt Wien, der Grenze zwischen Ost und West, der Stadt in Asien und Europa, traf diese Handlung und zeigte die vom moralischen und existentiellen Nichts befallenen Menschen jener ersten Nachkriegsjahre.

Verständlich also, daß Carol Reed nunmehr nach einem kurzen Ausflug in die Südsee, wo er Joseph Conrads "Verdammte der Inseln" verfilmte, an sein bisher am glücklichsten bewältigtes Thema: den Ost-West-Konflikt, zurückkehrt. Der Schauplatz seines neuen Filmes The man between (der in Deutschland unter dem Titel "Gefährlicher Urlaub" jetzt anläuft) ist die Vier-Sektoren-Stadt Berlin.

Aber in Berlin treffen die Gegensätze härter aufeinander als in Wien. Die Politik atmet hier den Geist von Potsdam und nicht die Verbindlichkeit des alten Österreich. Wenn in Wien ein Mensch verschleppt wird, so sind es in Berlin drei, und wenn in Wien ein friedlicher Bürger von der Kugel eines Okkupanten getroffen wird, so sind es in Berlin zehn, zwanzig oder gar mehr. In Berlin herrscht nicht das Zwielicht zweier ineinander geschachtelter Welten – in Berlin herrscht die Karheit der Feindschaft.

Auf der einen Seite steht eine tapfere und von der ganzen Welt wegen ihres Mutes und ihrer Statthaftigkeit bewunderte Bevölkerung, deren Haltung weder durch den massiven Druck ihrer Feinde noch durch manche überschwengliche romantisierende Lobhudelei ihrer Freunde wankend gemacht wird. In diese Menschen hat sich der Regisseur Carol Reed ohne Zweifel ein bißchen verliebt. Das macht den Menschen alle Ehre, muß aber dem Filmregisseur nicht unbedingt nützen. Die Story des Films ist sehr einfach. Die Schwester eines britischen Offiziers verbringt ihren Urlaub in Berlin. Sie lernt dabei die deutsche Frau ihres Bruders und – den Mann dazwischen (zwischen Ost und West nämlich) kennen. Der Mann zwischen Ost und West ist eine gescheiterte Existenz, ein Jurist eigentlich, der, da er im Recht verzweifelt, nunmehr mit Bewußtsein Unrecht tut. So will er seine ehemalige Frau, jetzt die Frau des britischen Offiziers, erpressen, dem Osten einen bestimmten Mann auszuliefern. Erst durch die Liebe zu der Engländerin, die er zunächst auch in sein gefährliches Spiel einspannt, wird er wieder zu einem rechtlich denkenden Menschen, der sich schließlich mit seinem Leben für ihre Freiheit einsetzt, und es auch verliert.

Nimmt man dieser Geschichte die politischen Akzente, so wird sie zur Kolportage. Und dieser Gefahr ist der Drehbuchautor Harry Kurrnitz (der eben nicht Grahan Greene ist) denn auch erlegen. Streckenweise ist dieser Film deshalb nur gut photographierter Kriminalfilm, der aber nun wiederum, weil er ja mehr sein will, auf gewisse Effekte des Kriminalfilms von vornherein verzichtet. Die Handlung könnte auch in irgendeiner anderen Stadt spielen, in der zum Beispiel Revolutionäre den einen Teil besetzt halten, während Regierungstruppen den Rest kontrollieren. Ja, sie könnte an irgendeiner Grenze angesetzt werden, an der sich zwei nicht sonderlich befreundete Mächte gegenüberstehen. Die Scheußlichkeit des Regimes von drüben wird nicht daran demonstriert, daß die Volkspolizei auf Menschen schießt, die sie mit Recht für Agenten halten muß (und die es ja auch sind), und die Gerechtigkeit der anderen Seite gewinnt durch Figuren wie die des britischen Offiziers, der mit illegalen westlichen Spitzeln befreundet ist, durchaus nicht an Klarheit.

Es ist ein sauber gemachter Film der Sympathie für Berlin entstanden. Doch es zeigt sich, daß gerade diese Sympathien den kühlen englischen Abstand zerstörten, der Reed und Greene im "Dritten Mann" hinter die Kulissen des Kontinents sehen ließ. Paul Hühnerfeld