Von Johann Gottfried Herder

Was gibt ein Schiff, das zwischen Himmel und Meer schwebt, nicht für weite Sphäre zu denken! Alles gibt hier dem Gedanken Flügel und Bewegung und weiten Luftkreis: das flatternde Segel, das immer wankende Schiff, der rauschende Wellenstrom, die fliegende Wolke und der weite, unendliche Luftkreis! Auf der Erde ist man an einen toten Punkt angeheftet und in den engen Kreis einer Situation eingeschlossen.

Und so ward ich Philosoph auf dem Schiffe – Philosoph aber, der es noch schlecht gelernt hatte, ohne Bücher und Instrumente aus der Natur zu philosophieren. Hätte ich dies gekonnt, welcher Standpunkt, unter einem Mäste auf dem weiten Ozean sitzend, über Himmel, Sonne, Sterne, Mond, Luft, Wind, Meer, Regen, Strom, Fisch, Seegrund philosophieren, und die Physik alles dessen aus sich heraus finden zu können! "Philosoph der Natur" das sollte dein Standpunkt sein – mit dem Jünglinge, den du unterrichtest! Stelle dich mit ihm aufs weite Meer und zeige ihm Fakta und Realitäten und erkläre sie ihm nicht mit Worten, sondern laß ihn sich alles selbst erklären. Und ich, auch ich will mich unter den Mast stellen und den Funken der Elektrizität vom Stoß der Welle bis ins Gewitter führen, und den Druck des Wassers bis zum Druck der Luft und der Winde erheben, und die Bewegung des Schiffes, um welche sich das Wasser umschließt, bis zur Gestalt und Bewegung der Gestirne verfolgen, und nicht eher aufhören, bis ich mir selbst alles weiß, da ich bis jetzt mir nichts weiß.

Wasser ist eine schwerere Luft; Wellen und Ströme sind seine Winde; die Fische seine Bewohner; der Wassergrund ist eine neue Erde! Wer kennt diese! Welcher Columb und Galiläi kann sie entdecken! Welche neue Schiffahrt und welche neuen Ferngläser in diese Welt sind noch zu erfinden? Sind die letzten nicht möglich, um die Sonnenstrahlen bei stillem Wetter zu vereinigen und gleichsam das Medium des Seewassers damit zu überwinden? Was würde der Schiffahrt nicht dadurch für unendliche Leichtigkeit gegeben? Welche neue Seekarten sind über den Ozean hinaus zu entdecken und zu verfertigen, die jetzt nur Schiffs- und Klippenkarten sind! Welche neue Kräuter, wovon die Korallen nur eine Probe sind! Welche neue Welt von Tieren, die unten im Seegrunde, wie wir auf der Erde, leben, und nichts von ihnen, Gestalt, Nahrung, Aufenthalt, Arten, Wesen, nichts kennen! Die Fische, die oben hinauffahren, sind nur Vögel; ihre Floßfedern: nur Flügel; ihr Schwimmen: Fliegen oder Flattern. Wer wird nach ihnen alles bestimmen wollen, was in der See ist? – Der kalte Norden scheint hier der Geburtsort so gut der Seeungeheuer zu sein, als er’s der Barbaren, der Menschenriesen und Weltverwüster gewesen. Walfische und große Schlangen und was weiß ich mehr? – Hierüber will ich Pontoppidan lesen, und ich werde in den Horden ziehender Heringe (die immer feiner werden, je weiter sie nach Süden kommen, sich aber nicht so weit wie die Vandalen und Langobarden wagen, um nicht, wie sie, weibisch, krank und vernichtigt zu werden, sondern zurückziehen) die Geschichte wandernder nordischen Völker finden – welche große Aussicht auf die Natur der Menschen und Seegeschöpfe und Klimate, um sie und eins aus dem andern und die Geschichte der Weltszenen zu erklären.

Aus der Anthologie "Europäische Landschaften", die, herausgegeben von Friedrich Springorum, in bibliophiler Ausstattung im Postel-Verlag, München, erschienen ist.