Nicht nur als Bühnenfigur, auch als leibhaftig wirkende Gestalt kommt in unserer Zeit Paul und Franz von Schönthans enthusiastischer Theaterpraktiker Striese aus dem "Raub der Sabinerinnen" wieder zur Geltung, der immer einen Weg findet, seine Kunst anzubringen. So auch in Remscheid, der freundlichen "Stadt auf dem Berge". Dieses Remscheid hat früher eine Theaterehe mit Solingen geführt. Es war die zweite, von der man (neben Bochum und Duisburg) sagte, sie sei glücklich gewesen. Solingen wandte seine Gunst inzwischen, der Not gehorchend und auf größere Leistung hoffend, den Städtischen Bühnen Wuppertals zu. Beide, Wuppertal und Solingen, hatten gemeint, der Vernunftehe ihres Theaterzweckverbandes werde auch Remscheid beitreten. Doch das Dreiecksverhältnis scheute ein Partner, der einmal zu zweien glücklich war. Remscheid hat im Kriege sein Haus verloren. Theater wollte es trotzdem spielen, und zwar aus eigener Kraft.

Nun ging vor kurzem eine wenig beachtete Nachricht durch die Tagespresse. Danach hat Remscheid beschlossen, ein neues Theater zu bauen, sein Bühnenensemble aber aufzulösen. Achtzig Gastspiele aus der mit Düsseldorf, Köln und Bochum reich bestückten Nachbarschaft sollen das künftige Gehäuse mit dem Besten vom Guten füllen. Ein Schlaumeier wird zum Nassauer.

Nach dieser Wendung durch städtische Fügung muß man dem Striese von Remscheid denn doch einen Nachruf schreiben. Er heißt Mund. In Theaterkreisen hieß es oft scherzhaft, daß gegen diesen Mund kein Kraut gewachsen sei. Er ist Direktor, Autor, Regisseur und Schauspieler in einer Person. Sein Schauspiel "Feuersturm", das Mund nach dem Kriege, in Aachen aufführte, und sein "Papst Julius II.", der kürzlich sogar ins Italienische übertragen wurde, sie weisen den Autor Mund, der mit einem neuen Stück in Oldenburg voriges Jahr sogar Erfolg hatte, mindestens als einen Mann von Kenntnis und Geschmack aus. Als der Theaterpraktiker von Aachen nach Cuxhaven ging, stampfte er dort ein "Theater" aus dem Boden einer Turnhalle. Vor der Währungsreform mußte er manchen mit Fischkonserven dorthin locken. Aber als den Tausendsassa Remscheid zum "Intendanten" einer Behelfsbühne ohne Subvention berief, da war die Cuxhavener Entreprise schuldenfrei.

Inzwischen haben sich die Auguren öfter gefragt, ob die "Remscheider Bühne" mit ihrem um ambitionierte Stadttöchter erweiterten Familienbetrieb ernsthaft zum Theater zu rechnen sei. Mal fand die Bühnengenossenschaft ein Haar in den sozialen und finanziellen Bedingungen. Mal meinten die Kritiker, die Mund mit "interessanten" Stücken immer wieder anzulocken verstand, daß es eigentlich indiskutabel sei. Aber Mund rührte. die Publicity-Trommel. Universitätsprofessoren, die eine Liebe zum Theater im Verborgenen haben, Verleger und die größten Gazetten in Deutschland setzten sich mit dem Remscheider Beschluß tiefgründig – wenn auch meist ohne örtliche Kenntnis – auseinander, nur noch deutsche Autoren zu spielen. Auf solche Weise hatte es Mund geschafft, Schließlich sogar einen Zuschuß von seinen Stadtvätern zu bekommen. Der Striese von Remscheid hatte sich selber nicht geschont. Bockte da irgendwo auf den steilen Straßen des Bergischen Landes der kleine Personenbus mit der Aufschrift "Remscheider Bühne", so konnte man gewiß sein: Der Mann, der unter dem Auto lag, war der Intendant persönlich, der den Schaden reparierte.

Wir haben keine Sorge um die Zukunft des Herrn Mund. Ob er nun der Manager des Remscheider Gastspielbetriebs wird oder wieder ins Geschirr eines richtigen Theaters gehen sollte – er ist nicht unterzukriegen. Nachdenklich stimmt dagegen der Beschluß der Remscheider Stadtväter. Kein Zweifel: In dieser westdeutschen Theaterlandschaft ist es billig und bequem, bei den Großen zu schmarotzen. Sie müssen die Grundlasten für ihre Theater ohnedies aufbringen. So kaufen sich auch Viersen, Leverkusen, Mülheim a. d. Ruhr und manche andere ihre Attraktionen zusammen. Aber lauert dahinter nicht eine Gefahr? Eine Stadt baut ein Haus fürs Publikum – es gibt deren noch mehrere, die vor dieser Aufgabe stehen –, auf einen Theaterbetrieb aber verzichtet sie! Auch in Amerika ziehen die Truppen durch die städtischen Häuser, die sonst leerstehen.

Das System hat einige Vorteile. Man sieht es an dem fast sensationellen Erfolg, den G. B. Shaws szenischer Dialog "Don Juan in der Hölle" in diesen Monaten landauf, landab gehabt hat und noch hätte, müßte Werner Krauss erschöpft nicht erstmal pausieren. Ohne Namen wie Krauss, Rudolf Forster, Axel von Ambesser und Lola Müthel hätte es kein stehendes Theater wagen können, diese Gehirnmassage ohne Augenhilfe anzubieten. Für die Stagione der Prominenz zahlen die Leute zehn bis fünfzehn Mark pro Platz. Sie ist ein Ausweg, unbequeme, aber wesentliche Aussagen an das Publikum heranzubringen. Man muß den "Betrieb" nur steuern und in eine gesunde Relation zu den echten, unveräußerlichen Aufgaben des stehenden Ensemble-Theaters in Deutschland bringen. Immerhin: zwischen den Sorgen, die unsere Städte mit ihren teueren Theatern haben, zeichnet sich ein schmaler Pfad für Erfolg plus Qualität ab. Wer aber wird dafür sorgen, daß die Kirche im Dorf, daß/das Theater anstatt eines Spekulationsobjektes ein Kulturfaktor bleibt? J. J.