An das Ableben des Pariser Dramatikers Henri Bernstein, dessen Erscheinung unser Nachruf würdigt, hat sich in der französischen Presse eine Kontroverse mit schönem Abschluß geknüpft: François Mauriac hatte im "Figaro" einen Nekrolog mit manchen Reserven geschrieben, gegen den Bernsteins Tochter in einem offenen Brief entrüstet Klage führte. Im Leitartikel des "Figaro" vom 8. Dezember, dem Tage von Eisenhowers Rede vor der UNO, tröstete Mauriac die Gekränkte: "Henri Bernstein hat ebensoviel Chancen, wieder entdeckt zu werden wie irgendeiner von denen, die heute seine Dramen verwerfen. In einem oder zwei Jahrhunderten steigt vielleicht die Sonne der Toten, die uns nur vorwärmt, über dem einen oder dem anderen der Ehepaare, die Bernstein erfand und die wir für Eintagserscheinungen hielten. Nichts ist gewiß in dieser Welt, nicht einmal das Vergessensein."–

Henri Bernstein, ein Grandseigneur, der ein halbes Jahrhundert lang das Pariser Theaterleuen und eine bestimmte, einflußreiche Schicht der theaterfreudigen Pariser Bourgeoisie beherrschte, starb achtundsiebzigjährig in einer Pariser Privatklinik. Seine Aufbahrung im vornehmen "Théâtre des Ambassadeurs", zwischen Champs Elysées und Place de la Concorde, und seine Beisetzung auf dem Friedhof in Passy waren wie seine Premieren Rendezvous für "Tout-Paris".

Henri Bernstein war stolz auf seine stets säuberlich in chronologischer Folge in allen Programmheften seines "Théâtre des Ambassadeurs" aufgezählten neunundzwanzig Theaterstücke, auf sein Dutzend sensationeller Duelle, die ihm sein unversöhnlich streitbares Temperament eintrug, und seinen international bekannten Rennstall. Als Sohn eines reichen, kunstbegeisterten Pariser Bankiers, der seinerzeit dem Maler Mazet die Pariser Salons öffnete, wurde er am 20. Januar 1876 in Paris geboren. Nie hat er die Welt der übersättigten Pariser Haute-volée in seinen Themen verleugnet.

Eben 24 war er, als André Antoine im Théâtre Libre" seinen Erstling "Le Marche aufführte. Schwärzester Naturalismus in einer damals ungewohnt kühnen Sprache um das Thema Geld. "Noch nie sah ich ein Stück so ekelhaft gespielt und so gegen jeden Sinn und Verstand inszeniert", quittierte der junge Anfänger seinem Gönner. Aber seine Stücke setzten sich, durch, sie wurden-sichere Kassenerfolge. Bernstein überlebte mit seinen Dramenden Ruhm seines großen Rivalen Henri Bataille, er maß sich mit den Erfolgen Sacha Guitrys, des ewig Gefälligen, in der Gunst des Publikums und kämpfte beharrlich gegen die neue Welle auf der französischen Bühne mit den Autoren Giraudoux, Anouilh und Sartre.

Bernsteins Erfolg. beruhte auf seiner raffiniert theaterwirksamen Technik. Mit einem Geschick ohnegleichen glänzte er in sicheren Bühneneffekten, die er mit provozierender Brutalität auf das Publikum losläßt. Alles ist äußerst geschickt und gekonnt, aber ohne den Hauch dichterischer Gestaltung.

Das Bild seiner Persönlichkeit wäre unvollständig, wenn man neben der Sensation seiner Bühnenwerke nicht auch seine politischen Kapriolen erwähnte. 1904, mitten in der Dreyfußaffäre, nach siebenmonatigem Militärdienst, reist er ohne Urlaub nach Belgien und schreibt von dort eine berühmt gewordene offene Absage gegen jeden Militarismus an den Redakteur der dreyfußfreundlichen Pariser Tageszeitung "Aurore". Es bedurfte einflußreichster Interventionen, um diesen Faux Pas zu amnestieren. Verziehen hat manihm nie. Er war die Ursache wiederholter, gegen ihn organisierter Skandale. Selbst seine tadellos mutige Haltung als Flieger im ersten Weltkrieg an der Salonikifront ließ diese Jugendsünde nicht in Vergessenheit geraten. Als Mussolinis Faschismus ins Kraut schoß, geriet Bernstein in helle Begeisterung. Als der "Duce" sich jedoch mit Hitler verbündete, schickte Bernstein ihm sämtliche von ihm erhaltenen Orden und Ehrenzeichen zurück. Als Hitler französischen Boden eroberte, emigrierte er nach Amerika – sein Jugendbild von Manet als einzigen Besitz unterm Arm – und wurde in New York einer der virulentesten Gegner Pétains und der Regierung von Vichy. 1946 kehrte der Grandseigneur nach Paris zurück in das Théâtre des Ambassadeurs – arbeitsfreudig, kampfeslustig wie je. Es war erstaunlich, mit welchem Eifer er versuchte, sich den veränderten Verhältnissen anzupassen. Seine letzten Dramen "La Soif" 1949, "Victor" 1950, "Felix" 1951 (die Wiederaufnahme eines umgearbeiteten Erfolges aus dem Jahre 1926), und schließlich "Evangéline" 1952 brachten eine überraschende psychologische Vertiefung der Charaktere, eine Darlegung seelischer Konflikte.

Was dürfte von dem umfangreichen dramatischen Werk Bernsteins Geltung behalten? Nicht allzuviel, meinen die Skeptiker. Aber man darf nicht ungerecht sein. Einige waren immerhin zu ihrer Zeit mutige Taten und machten Geschichte. Für uns spiegeln sie eine Welt von vorgestern, deren gespreizten Ernst wir heute nur schwer noch ertragen.

Paul Ellmar