Die Auseinandersetzung über die im Ausland beschlagnahmten deutschen Vermögen ist alt. Sie wird meist in der vergleichsweiseabstrakten Sprache der Wirtschaftspolitik geführt. Man spricht von Zahlen und Statistiken, von Rechnung und Gegenrechnung; man kündigt Verhandlungen von Staat zu Staat an. Man vergißt zu leicht, daß es sich auch hier oft um Menschenschicksale handelt. – Im folgenden veröffentlichen wir den Brief eines Schlesiers, der in Schweden lebt. Er liebt die schwedische Lebensart, die Rechtlichkeit der Schweden, ihre Hilfsbereitschaft. Aber sein Fall zeigt, daß selbst in diesem Lande ein Mensch sich im Netzwerk der Verordnungen verstricken kann...

Ich bin ein Vertriebener aus Schlesien und besaß in Lüben eine gutgehende Fabrik, die bereits von meinem Großvater gegründet werden war. Dieses Werk, das mehr als 500 Arbeiter und Angestellte beschäftigte, stellte traditionsmäßig in der Hauptsache Pianomechaniken für Flügel und Klaviere her. Der Name "Langer" für diese Fabrikate ist in den Klavierindustrien der ganzen Welt bekannt. In den für die deutsche Klavierindustrie konjunkturschwachen Zeit haben wir in unserem Werk in Lüben auch Serienmöbel hergestellt, und während des letzten Krieges war die Fabrik zum Rüstungsbetrieb erklärt; es wurden Munitionspackgefäße fabriziert. Als einziger Mechanikfabrik in Europa war es uns jedoch gestattet, für den direkten und indirekten Export unsere Langer-Mechaniken weiter zu produzieren. Schon seit Jahrzehnten gehörten die elf schwedischen Klavierfabriken, deren gesamte Jahresproduktion in den letzten Jahren vor dem Kriege rund 4000 Instrumente betrug, zu unseren Abnehmern.

Während des Krieges wurden unsere Exportlieferungen in die nichtkriegführenden Länder scharf kontingentiert. Die einzelnen Wirtschaftsgruppen kontrollierten genau den Export. Für das neutrale Land Schweden waren mir höchstens 3000 Mechaniken als Export zugelassen. Mit dieser Anzahl von Mechaniken kamen die schwedischen Klavierfabriken jedoch nicht aus. Meine schwedischen Geschäftsfreunde wiesen immer wieder dringend darauf hin, daß sie mehr Mechaniken haben müßten, weil sie sonst gezwungen wären, die Betriebe einzuschränken und Arbeiter zu entlassen.

Es ist mir möglich gewesen, das schwedische Kontingent von 3000 Stück Mechaniken jährlich auf 4000 Stück zu erhöhen. Wie ich dies erreichen konnte, steht auf einem anderen Blatt; es waren Überschreitungen meiner Befugnis, und oft kam ich mir vor, als stünde ich mit einem Bein bereits im Gefängnis. Die schwedische Klavierindustrie aber hatte bereits den Nutzen davon. Sie konnte ihre Produktion fortsetzen, ohne Arbeiter entlassen zu müssen. Ich erzähle dies, weil ja Schweden eine sozialistische Regierung besitzt, die dafür eigentlich ein Verständnis haben sollte!

Mein Werk ging mir verloren. Aller Habe bar, flüchtete ich mit meiner Familie vor den Russen nach Westdeutschland; hier konnte ich mich bald mit meinen schwedischen Freunden wieder in Verbindung setzen. Im Jahre 1947 folgte ich einer Einladung meines besten schwedischen Kunden und ging nach Schweden.

Zu diesem Schritt fühlte ich mich damals bewogen, weil in dem Jahre 1946 und 1947 keinerlei Aussicht für mich bestand, in der Bundesrepublik wieder als Pianomechanikfabrikant eine Tätigkeit zu finden; denn wer dachte damals daran, daß in Westdeutschland für lange Zeit wieder einmal ein Bedarf in Pianomechaniken eintreten würde? Zum anderen aber bewog mich der Umstand, daß ich ja im neutralen Schweden für meine letzten Lieferungen an Pianomechaniken im Clearing ein Guthaben von mehreren 10 000 Kronen besaß. Die schwedische Klavierindustrie besitzt keine eigene Pianomechanikerzeugung; eine solche Spezialfertigung ist ihr völlig unbekannt. Ich habe in den Jahren 1947 bis 1948 hier in der größten schwedischen Pianofabrik Arvika eine Mechanikproduktion neu eingerichtet; ich habe Leute angelernt, Maschinenkonstruktionen gemacht; ich habe dieser Fabrik meine neue Erfindung – eine Pianomechanik aus einem Kunststoff statt aus Holz – gebracht. Man hat sich durch meine Arbeit hier völlig unabhängig von dem ausländischen Bezug von Pianomechaniken gemacht. Ich produzierte bei einem recht mäßigen Gehalt in der von mir eingerichteten Mechanikabteilung jährlich jetzt über 1600 Stück Plastikmechaniken. Ich darf also sagen, daß durch meine Erfahrungen und durch meine Tätigkeit der schwedischen Industrie Vorteile entstanden sind.

Im Jahre 1948 versuchte ich mit Hilfe des Syndikus des "Verbandes schwedischer Klavierfabrikanten", durch Antrag beim sogenannten Flyktkapitalbyra (Flüchtlingskapitalbüro) in Stockholm, dessen Leiter der bekannte Justizrat Sandström ist, mein Guthaben aus dem Clearing herauszubekommen, mit der Motivierung, daß ich Vertriebener sei und meine Familie nach Schweden nachholen und ihr ein Heim und den Kindern eine Erziehung geben müsse. Dieser mein Antrag wurde abgelehnt, und es wurde mir bedeutet, Schweden hätte an Deutschland so hohe Forderungen, daß erst später einmal auf Regierungsebene eine Klärung erfolgen könne.