Der neue Bundespostminister, Dr. Siegfried Balke, der das zweite Kabinett Adenauer als Spätberufener endlich komplettierte, ist ein Mann der Wirtschaft. Er ist Direktor der Wacker Chemie G.m.b.H. und Vorsitzender der bayrischen chemischen Industrie. Die Regeln, wie man Minister wird, wurden bei seiner Ernennung auf den Kopf gestellt. Obwohl Kandidat der bayerischen CSU, ist er nicht Urbayer, sondern Rheinländer, geboren 1902 in Bochum. Er ist nicht Mitglied der CSU, sondern, vorläufig jedenfalls, parteilos. Als einziger seiner Ministerkollegen ist er nicht Mitglied des Bundestages. Und er ist evangelisch. Daß die Frage der Konfession bei seiner Berufung überhaupt eine Rolle spielte, stört ihn. Er findet, Briefmarken und Postpakete hätten mit der religiösen Überzeugung nichts zu tun.

Erfahrung im Postwesen bringt Dr. Balke nicht mit, das erwartet man auch nicht. Was man sich erhofft, ist ein Mann des freien Wettbewerbs, der nach bewährtem amerikanischem Vorbild frischen Wind in den ein wenig erstarrten Monopolbetrieb bringen wird, und da allerdings hat er die Qualifikation des erfolgreichen Wirtschaftsmannes. Sohn eines Handwerkers, hat er sich das Studium an der Technischen Hochschule München als Werkstudent selbst erarbeitet. Als Diplom-Ingenieur und Dr.-Ing. wurde er nach zwei Jahren praktischer Arbeit in Fahr am Rhein 1927 Betriebschemiker der Chemischen Fabrik Aubing. Seitdem ist er in Bayern. Im Dritten Reich hielt er sich zurück, er war Gegner des Nationalsozialismus aus Überzeugung. Er lebte ganz seinem Beruf und machte auch seinen Einfluß geltend, daß das Werk sich nicht nach Kriegsaufträgen drängte, obgleich die Belegschaft es der Vergünstigungen wegen manchmal gern gesehen hatte. Den Zusammenbruch überlebte er in den Reihen des Volkssturms.

Nach 1945 übernahm er in der Chemischen Fabrik Aubing die technische Leitung und schuf die neuen Grundlagen für den Export. Seit 1952 ist er bei Wacker. Eine Fülle wirtschaftspolitischer, sozialpolitischer und fachwissenschaftlicher Ämter fielen ihm zu, er vertrat die deutsche Industrie auf internationalen Kongressen und gab die Zeitschrift Chemische Industrie und Ullmanns Enzyklopädie der technischen Chemie mit heraus.

Die wirtschaftlichen Probleme, die bei der Post zu lösen sein werden, unterscheiden sich, so erklärt Dr. Balke, nicht sehr von denen eines freien Unternehmens: es handele sich darum, bei möglicher Senkung der Kosten den Wirkungsgrad durch Rationalisierung und höhere Leistung zu steigern, die vom Staat geforderten Überschüsse herauszuwirtschaften und die Schulden zu tilgen. Dabei habe die Post sich einem echten Wettbewerb mit allen anderen Verkehrsträgern zu stellen und so gute Leistungen zu bieten, daß Fälle, wie in Hamburg und Bremen, wo die Behörden ein eigenes Fernsprechnetz aufbauten, sich nicht wiederholen. Bei der raschen Entwicklung der Technik ist das Monopol der Post ohnehin keine Lebensversicherung mehr.

Ob er die Gebühren erhöhen werde? Das hänge von der Kalkulation ab, so sagt Dr. Balke. Die Buchhaltung der Post wird soeben modern umgestellt, um die Berechnung der Gebühren auf Grund der Kostengleichung zu ermöglichen – dann werde man sie einzeln erhöhen oder senken, je nachdem. "Eine gesunde Post ist wichtiger als postalische Leistungen unter dem Selbstkostenpreis", erklärt er, und er ist überzeugt, daß gerade die Wirtschaft für diesen nüchtern kaufmännischen Standpunkt Verständnis haben wird.

Das Postministerium betrachtet Dr. Balke nicht als Fachressort, sondern als Aufgabengebiet, auf dem sich Politik, Wirtschaft und Technik kreuzen. Der Minister ist ja nicht nur Leiter der Postverwaltung, er ist auch Mitglied des Kabinetts und nimmt an politischen Entscheidungen teil. Da würde man zum Beispiel gern wissen, was er zu tun gedenkt, um dem unwürdigen Zustand der Briefzensur und des Abhörens der Fernsprechleitungen, wie sie noch immer da und dort praktiziert werden, ein rasches Ende zu bereiten. Dr. Balke hält es für verfrüht, sich dazu im einzelnen zu äußern. Aber er läßt keinen Zweifel, daß dem verantwortlicher Postminister jede Art von Schnüffelei ebenso vor Herzen zuwider sein wird wie dem Mann der freien Wirtschaft. v. Zühlsdorff