In der Reihe der "Kleinen Geschichten" des HeinrichScheffler Verlags (Frankfurt) ist. jetzt von Höpfl die "Kleine Geschichte Englands" erschienen. Sie trifft in der Form der Darstellung genau Ton und Farbe, die seinem Thema adäquat sind. Die englische Geschichte ist weder pathetisch noch hat sie den Glanz, der der französischen eigentümlich ist. "England", so’schreibt Höpfl, "hat in Jahrhunderten gelernt, daß Logik in der Politik eine gefährliche Sache ist. Es ist auf so völlig unlogische Weise Weltmacht geworden, daß Seeley sagen konnte, das britische Empire sei in einer Art Geistesabwesenheit zustande gekommen." Und die gleiche Haltung kennzeichnen die folgenden Sätze: "Es läßt sich die Behauptung wagen, daß sich das englische Volk in Friedenszeiten und solchen, die es dafür hält, durch äußere Ereignisse selten von seinen eigenen Anliegen abbringen läßt. In den Jahren vor 1939 haben Regierung und Volk sich gemeinsam geweigert, denen zu folgen, die voraussagten, daß die Welt einem neuen Krieg entgegengehe und daß er Großbritannien unvorbereitet finden werde. Der größte Warner, Winston Churchill, war ohne Amt in der Koalitionsregierung, ohne Amt in der konservativen Partei und ohne Amt in der konservativen Regierung, die dann in den Krieg ging, den er prophezeit hatte." Diese Feststellung trifft Höpfl, als er das Jahrzehnt vor dem zweiten Weltkrieg beschreibt. Sie ist also nicht eine These, auf der er seine Darstellung zu Beginn festlegt, sondern ein Fazit, das er aus dem Verlauf der englischen Geschichte zieht. In ihr drückt sich die besondere Form der englischen Mentalität aus, so wie sie sich durch die Jahrhunderte hindurch manifestiert. Vorzuglich kommt dies heraus, wenn Höpfl schildert, wie sich das Parlament von seinen Anfängen bis heute entwickelt hat, jenes Parlament, das schließlich den Titel "Mutter der Parlamente" erhalten sollte.

Er beginnt damit – im Einklang mit der modernen englischen Geschichtsschreibung – die Legende zu zerstören, die berühmte Magna Charta von 1215, die man in London im British Museum unter Glassehen kann, stelle den Beginn der englischen Demokratie dar. "In ihren 62 Artikeln hat die MagnaCharta nichts anderes getan, als das seit langem geltende Recht und die Veränderungen, Erweiterungenund Neuerungen unter Wilhelm dem Eroberer und seinen Nachfolgern schriftlich zu bestätigen und die Abstellung neuerer Mißbräuche zu fordern. Nicht eine einzige Zeile ließ sich anwenden auf das Volk, das in seiner großen Masse aus Unfreien bestand." Doch haben sich aus dieser Sammlung von Urteilen und Beschlüssen schon unter seinem Nachfolger, dem "englischen Justinian", Eduard I., "die Anfänge des geschriebenen, auf Parlamentsbeschlüssen beruhenden Rechtes" ergeben, und gleichzeitig nahm zum erstenmal unter ihm "die bewundernswerteste Institution Englands, das Parlament", feste Gestalt an. Es war das Musterparlament von 1295, das zwar mit der heutigen Auffassung von Demokratie nur sehr wenig zu tun hat, das aber zum erstenmal die Form schuf, in der das Parlament noch heute existiert. Wie ein roter Faden zieht sich die Darstellung seiner Entwicklung durch das Buch: wie von den Zeiten Eduards III. im 14. Jahrhundert an Ritter und Bürger, unter einem eigenen Sprecher, getrennt von dem hohen Adel tagten und damit der Unterschied von Ober- und Unterhaus geschaffen wurde, wie unter Heinrich VII. neben dem Gericht der Sternkammer die Einrichtung der Friedensrichter entstand, die bis heute noch im englischen Rechtsleben eine hervorragende Rolle spielen, wie dann unter den Stuarts – was sich schon am Ende des Elisabethanischen Zeitalters abzeichnete – die Revolte des Parlaments gegen das Königtum begann, wobei, von der Idee des Rechtsstaates her gesehen, das Parlament meistens im Unrecht war, kurz, wie gegen alle Erwartung aus feudaler Gesinnung oder obstinaterObstruktion die Macht des Parlamentes wuchs, so daß die Demokratie in England schon im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts den Höhepunkt ihrer Fehler erreichen konnte, als die Partei, der Whigs über die Kapitulation von Yorktown jubelte. "Nach fast zwei Jahrzehnten kamen sie nun wieder an die Macht, und das war ihnen wichtiger, als die amerikanischen Kolonien."

Auch in dieser "Kleinen Geschichte Englands" sind die politischen Akzente exakt verteilt, und dem entspricht die jeweilige Breite der Darstellung. Vorzüglich ist dabei die Charakteristik einzelner Herrscher, so Heinrichs VII., des ersten Tudor, der, "ein Kaufmann auf einem Königsthron", keinen Anblick bietet, "der die Phantasie der Nachwelt reizt", ferner die Schilderung Heinrichs VIII., der nicht nur seinen Frauen die Köpfe abschlagen ließ, sondern auch den Beginn der anglikanischen Kirche schuf und sie von Rom löste. Vorzüglich auch das Porträt der beiden Königinnen Maria und Elizabeth, des Protektors Oliver Cromwell und der großen Staatsmänner Walpole, der beiden Pitt, Palmerston, Gladstone und Disraeli. Richard Tüngel