Der Rauschgoldengel sah sie die Straße herunterkommen. – Endlich ein paar Kinder, dachte er, und freute sich auf ihren Besuch. Denn Kinder haben stets etwas Menschenähnliches, und den Papierengel erinnerten sie an zwei ältliche Fräulein, die in einem halbdunklen Atelier Rauschgold falteten, Kartoffelsuppe kochten und Angst vor dem Monatsersten hatten. In diesem Atelier war er geboren worden, aber das lag jetzt schon weit zurück, und seit sieben Jahren war er zur Weihnachtszeit die Hauptperson im Schaufenster.

Die Kinder waren noch weit entfernt, und der Engel bemerkte sie nur, weil er von seinem Standort her die lange Pappelallee überblicken konnte, die eben beim Spielwarenladen in die Hauptstraße mündete.

"Obacht!" wollte der Rauschgoldengel rufen, aber er hatte keine Stimme, auch war seine Sorge unberechtigt. Er konnte ja nicht wissen, daß unter dem grünen Licht noch ein kleiner gelber Pfeil brannte, welcher den Verkehr in die Querstraße hinein freigab – er wußte sicher auch nicht, daß Großstadtkinder die Geschwindigkeit eines Autos recht genau abzuschätzen verstehen.

Hand in Hand und fast gemächlich waren sie über die Querstraße geschritten und standen endlich vor dem Laden.

"Neun Mark", sagte der Junge, "für solchen Stuß!"

Das Mädchen hatte nur flüchtig die Kollektion der Mama-sagenden Puppen überblickt, sich dann aber gleichzeitig abgewendet. "Was meinst du?" fragte es jetzt und sah dem Jungen ins Gesicht, um seine Blickrichtung festzustellen. Der hatte seine Hände in die Taschen geschoben – wies nur lässig mit dem Kinn auf den Rauschgoldengel.

"Unmodern – ganz unmodern!" stimmte ihm das Mädchen bei, "sieh dir bloß dieses Kleid an."