Gibraltar ist ein Name, der wie eine Peitsche knallt, der unser Gesicht rot färbt", sagte kürzlich ein spanischer Politiker. Das einst annektierte Gebiet hat niemals aufgehört, für die Spanier von höchster nationaler Bedeutung zu sein. Als zum letzten Male eine Entscheidung durch Waffengewalt um seinen Besitz akut wurde, gab es noch keine Atombomben. Am 23. Oktober 1940 trafen sich Hitler und Franco an der spanisch-französischen Grenze in Hendaye. Damals, zur dunkelsten Stunde des britischen Empire, wäre eine Besetzung Gibraltars möglich gewesen. Sie sollte nach Hitlers wohlvorbereiteten Plänen im Januar 1941 erfolgen mit Hilfe der Spanier, denen als Belohnung auch Französisch-Marokko in Aussicht gestellt wurde. General Franco forderte mehr. Er verlangte Garantien für die Versorgung Spaniens mit Lebensmitteln, Kohlen und Benzin und darüber hinaus solche für die gesamte Luftverteidigung im Falle der Küstenblockade. Den Zeitpunkt seines Eingreifens behielt er sich vor. Die Verhandlungen zögerten sich hinaus. Am 19. November des gleichen Jahres fanden wiederum Besprechungen in Berlin statt. Diesmal kamen die unannehmbaren Forderungen Francos einer Ablehnung gleich.

Der zweite Weltkrieg ging zu Ende, aber der Druck der Siegermächte vermochte ebensowenig wie der Hitlers die Politik Francos zu beeinflussen. Jahr für Jahr begeht die falangistische Jugend Spaniens den "Tag von Gibraltar? zur Erinnerung an jenem 4. August 1704, da England an Stelle des gegenüber in Afrika gelegenen Tanger vom Djebelal-Tarik (der arabische Name für Gibraltar) Besitz ergriff, um damit die Herrschaft im Mittelmeer und später seinen Seeweg nach Indien aufzubauen. Und Jahr für Jahr werden die Forderungen nach Revision dringlicher, die Pressekampagne heftiger, die Berufung auf Völkerrecht und verbriefte Urkunden fanatischer. Franco selbst zeigte sich anfangs gemäßigt. "Gibraltar ist für uns kein Kriegsgrund. Es wird uns früher oder später kampflos zufallen." So in einer Rede, gehalten 1950, als die Umstände ihm noch nicht erlaubten, offen einen revisionistischen Kurs zu steuern.

Heute liegen für ihn die Dinge ungleich günstiger. Nordamerika hat die Ressentiments ideologischer Färbung über Bord geworfen und Freundschaft geschlossen mit Spanien. Eine Freundschaft, die zugleich seinen Interessen einer gemeinsamen Verteidigung dient gegen den gleichen Feind im Osten, den Franco schon im zweiten Weltkrieg mit seiner "Blauen Division" bekämpfte, als Rußland noch Nordamerikas Verbündeter war. Und seit Monaten vergeht kaum ein Tag, an dem nicht eine spanische Zeitung das Thema Gibraltar propagandistisch aufgreift. Die Kampagne begann mit einem Interview Francos im Parteiorgan "Arriba", wo er die Wendung benutzte: "Ohne Spanien ist Gibraltar wertlos, mit Spanien könnte es von einiger Bedeutung für die westliche Verteidigung sein." Aber auch jetzt noch zeigt sich das Staatsoberhaupt gemäßigter, geneigter zu Kompromissen als die Masse des Volkes. Franco meldet zwar seinen Anspruch auf Revision an, läßt jedoch durchblicken, daß nach außen hin die Dinge bleiben könnten wie bisher, wenn nämlich Großbritannien gewillt wäre, durch einen Pachtvertrag formell die spanischen Rechte anzuerkennen. Eingeweihte wollen wissen, daß die Pachtzahlung ungefähr dem Jahreseinkommen jener 12000 Spanier entsprechen soll, die heute von den Briten in Gibraltar als Arbeiter beschäftigt werden. Das klingt immerhin anders, als der aggressive Ton aus dem Blätterwald, wo der Raub Gibraltars mit der Besetzung der baltischen Staaten durch Rußland verglichen wird unter Anführung genauester Details, wie Plünderung und Kirchenschändung hier wie dort. Aber auch Franco lehnt jede Beteiligung am Atlantikpakt bisher brüsk ab. Englands Haltung in der Gibraltarfrage ebenso wie die Frankreichs im Falle Marokko, wo ohne Präliminarien die alten Einspruchsrechte Spaniens bei der Absetzung des Sultans Sidi Mohamed mißachtet wurden, sind Fakten, welche einer europäischen Vereinigung zuwiderlaufen, selbst wenn jetzt Nordamerika als Freund und Mittler beider Parteien auf den Plan getreten ist.

Für Großbritannien allerdings stellt Gibraltar einen Stein in der Krone seines Empire dar. Elizabeth II. plant als letzte Station ihrer jetzigen Weltreise einen feierlichen Staatsbesuch in Gibraltar. H.